Die Leiden des jungen Werther

 

 

Das Hörbuch mit Goethes Originalfassung von 1774 und der Überarbeitung in modernem Deutsch im Shop erhältlich >>zum Shop<<

Hörprobe: 

Die Leiden des jungen Werthers (Erste Fassung 1774)
von Johann Wolfgang von Goethe

Herausgegeben von Brigitte Inslicht

Erster Teil

Was ich von der Geschichte des armen Werthers nur habe auffinden können, habe ich mit Fleiß gesammlet, und leg es euch hier vor, und weiß, dass ihr mir´s danken werdet. Ihr könnt seinem Geist und seinem Charakter eure Bewunderung und Liebe, und seinem Schicksale eure Tränen nicht versagen.

Und du gute Seele, die du eben den Drang fühlst wie er, schöpfe Trost aus seinem Leiden, und lass das Büchlein deinen Freund sein, wenn du aus Geschick oder eigener Schuld keinen näheren finden kannst.

am 4.Mai 1771.

Wie froh bin ich, dass ich weg bin! Bester Freund, was ist das Herz des Menschen! Dich zu verlassen, den ich so liebe, von dem ich unzertrennlich, war und froh zu sein! Ich weiß, Du verzeihst mir´s. Waren nicht meine übrigen Verbindungen recht ausgesucht vom Schicksal, um ein Herz wie das meine zu ängstigen? Die arme Leonore! Und doch war ich unschuldig! Könnt ich dafür, dass während die eigensinnigen Reize ihre Schwester einen angenehmen Unterhalt verschafften, das eine Leidenschaft in dem armen Herzen sich bildete! Und doch – bin ich ganz unschuldig? Hab ich nicht ihre Empfindungen genähert? Hab ich mich nicht an denen ganz wahren Ausdrücken der Natur, die uns so oft zu lachen machten, so wenig lächerlich sie waren, selbst ergötzt! Hab ich nicht – O was ist der Mensch, dass er über sich klagen darf! – Ich will, lieber Freund, ich verspreche Dir´s, ich will mich bessern, will nichts mehr dass Bissgen Übel, das das Schicksal uns vorlegt, wiederkäuen, wie ich´s immer getan habe. Ich will das Gegenwärtige genießen, und das Vergangene soll mir vergangen sein. Gewiss du hast recht, Bester: der Schmerzen wären minder unter den Menschen, wenn es nicht – Gott weiß warum sie so gemacht sind – mit so viel Emsigkeit der Einbildungskraft sich beschäftigen, die Erinnerungen des vergangenen Übels zurückzurufen, ehe denn eine gleichgültige Gegenwart zu tragen.

Du bist so gut, meiner Mutter zu sagen, dass ich ihr Geschäfte bestens betreiben, und ihr ehstens Nachricht davon geben werde. Ich habe meine Tante gesprochen, und habe bei weiten das böse Weib nicht gefunden, das man bei uns aus ihr macht, sie ist eine muntere heftige Frau von dem besten Herzen. Ich erklärte ihr meiner Mutter Beschwerden über den zurückgehaltenen Erbschaftsanteil. Sie sagt mir ihre Gründe, Ursachen und die Bedingungen, unter welchen sie bereit wäre alles heraus zu geben, und mehr als wir verlangten –  Kurz, ich mag jetzto nichts davon schreiben, sag meiner Mutter, es werde alles gut gehen. Und ich habe, mein Lieber! wieder bei diesem kleinen Geschäfte gefunden: Dass Missverständnisse und Trägheit vielleicht mehr Irrungen in der Welt machen, als List und Bosheit nicht tun. Wenigstens sind die beiden letzteren gewiss seltner.

Übrigens finde ich mich hier gar wohl. Die Einsamkeit ist meinem Herzen köstlicher Balsam in dieser paradiesischen Gegend, und diese Jahrszeit der Jugend wärmt mit aller Fülle mein oft schauderndes Herz. Jeder Baum, jede Hecke ist ein Strauß von Blüten, und man möchte zur Marienkäfer werden, um in dem Meer von Wohlgerüchen herumschweben, und alle seine Nahrung darinne finden zu können. 

Die Stadt ist selbst unangenehm, dagegen rings umher eine unaussprechliche Schönheit der Natur. Das bewog den verstorbenen Grafen von M.. einen Garten auf einem der Hügel anzulegen, die mit der schönsten Mannigfaltigkeit der Natur sich kreuzen, und die lieblichsten Täler bilden. Der Garten ist einfach, und man fühlt gleich bei dem Eintritte, das nicht ein wissenschaftlicher Gärtner, sondern ein fühlendes Herz den Plan bezeichnet, das sein selbst hier genießen wollte. Schon manche Träne habe ich dem Abgeschiedenen in dem verfallenen Cabinetgen geweint, das sein Lieblingsplätzgen war, und auch meins ist. Bald werd ich Herre vom Garten sein, der Gärtner ist mir zugetan, nur seit den paar Tagen, und er wird sich nicht übel davon befinden.

am 10. Mai.

Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleich denen süßen Frühlingsmorgen, die ich mit ganzem Herzen genieße. Ich bin so allein und freue mich so meines Lebens, in dieser Gegend, die für solche Seelen geschaffen ist, wie die meine. Ich bin so glücklich, mein Bester, so ganz in dem Gefühl von ruhigem Dasein versunken, dass meine Kunst darunter leidet. Ich könnte jetzto nicht zeichnen, nicht einen Strich, und bin niemalen ein größerer Maler gewesen als in diesen Augenblicken. Wenn das liebe Tal um mich dampft, und die hohe Sonne an der Oberfläche der undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht, und nur einzelne Strahlen sich in das Innere Heiligtum stehlen, und ich dann im hohen Grase am fallenden Bach liege, und näher an der Erde tausend mannigfaltige Gräsgen mir merkwürdig werden. Wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen, die unzähligen, unergründlichen Gestalten, all der Würmgen, der Mückgen, näher an meinem Herzen fühle, und fühle die Gegenwart des Allmächtigen, der uns all nach seinem Bilde schuf, das Wehen des Allliebenden, der uns in ewiger Wonne schwebend trägt und erhält. Mein Freund, wenn’s denn um meine Augen dämmert, und die Welt um mich her und Himmel ganz in meiner Seele ruht, wie die Gestalt einer Geliebten; dann sehn ich mich oft und denke: ach könntest du das wieder ausdrücken, könntest du dem Papier das einhauchen, was so voll, so warm in dir lebt, dass es würde der Spiegel deiner Seele, wie deine Seele ist der Spiegel des Unendlichen Gottes. Mein Freund – Aber ich gehe darüber zu Grunde, ich erliege unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser Erscheinungen.

am 12. Mai.

Ich weiß nicht, ob so täuschende Geister um diese Gegend schweben, oder ob die warme himmlische Fantasie in meinem Herzen ist, die mir alles rings umher so paradiesisch macht. Da ist gleich vor dem Orte ein Brunn´ ein Brunn´ , an den ich gebannt bin wie Melusine mit ihren Schwestern. Du gehst einen kleinen Hügel hinunter, und findest dich vor einem Gewölbe, da wohl zwanzig Stufen hinab gehen, wo unten das klarste Wasser aus Marmorfelsen quillt. Das Mäuergen, das oben umher die Einfassung macht, die hohen Bäume mit dem Platz rings umher bedecken, die Kühle des Orts, das hat alles sowas anzügliches, was schauerliches. Es vergeht kein Tag, dass ich nicht eine Stunde da sitze. Da kommen denn die Mädgen der Stadt und holen Wasser, das harmloseste Geschäft und das nötigste, das ehemals die Töchter der Könige selbst verrichteten. Wenn ich da sitze, so lebt die patriarchalische Idee so lebhaft und mich, wie sie alle die Altväter am Brunnen Bekanntschaft machen und freien, und wie um die Brunnen und Quellen wohltätige Geister schweben. O der muss nie nach einer schweren Sommertagswanderung sich an des Brunnens Kühle gelabt haben, der das nichts mit empfinden kann.

Am 13. Mai.

Du fragst, ob Du mir meine Bücher schicken sollst? Lieber, ich bitte dich um Gottes Willen, lass mir sie vom Hals. Ich will nicht mehr geleitet, ermuntert, angefeuert sein, braust dieses Herz doch genug aus sich selbst, ich brauche Wiegengesang, und den hab ich in seiner Fülle gefunden in meinem Homer. Wie oft lull ich mein empörendes Blut zur Ruhe, denn so ungleich, so unstet hast du nichts gesehen als dieses Herz. Lieber! Brauch ich Dir das zu sagen, der Du so oft die Last getragen hast, mich vom Kummer zur Ausschweifung, und von süße Melancholie zur verderblichen Leidenschaft übergehen zu sehn. Auch halt ich mein Herzgen wie ein krankes Kind, all sein Wille wird ihm gestattet. Sag das nicht weiter, es giebt Leute, die mir´s  verübeln würden.

Am 15. Mai.

Die geringen Leute des Orts kennen mich schon, und lieben mich, besonders die Kinder. Eine traurige Bemerkung hab ich gemacht. Wie ich im Anfange mich zu ihnen gesellte, sie freundschaftlich fragte über dies und das, glaubten einige, ich wollte ihre spotten, und fertigten mich wohl gar grob ab. Ich ließ mich das nicht verdrießen, nur fühlt ich, was ich schon oft bemerkt habe, auf das lebhafteste. Leute von einigem Stande werden sich immer in kalter Entfernung vom gemeinen Volk halten, als glaubten sie durch Annäherung zu verlieren, und dann giebt’s Flüchtlinge und üble Spaßvögel, die sich herabzulassen scheinen, um ihren Übermut dem armen Volke desto empfindlicher zu machen. 

Ich weiß wohl, dass wir nicht gleich sind, noch sein können. Aber ich halte dafür, dass der, der glaubt nötig zu haben, vom sogenannten Pöbel sich zu entfernen, um den Respekt zu erhalten, eben so tadelhaft ist, als ein Feiger, der sich für seinem Feinde verbirgt, weil er zu unterliegen fürchtet.

 Letzthin kam ich zum Brunnen, und fand ein junges Dienstmädgen, das ihr Gefäß auf die unterste Treppe gesetzt hatte, und sich umsah, ob keine Camerädin kommen wollte, ihr´s auf den Kopf zu helfen. Ich stieg hinunter und sah sie an. Soll ich ihr helfen, Jungfer? sagt ich. Sie ward rot über und über. Oh nein Herr! sagt sie. Ohne Umstände – Sie legte ihren Kringen zurechte, und ich half ihr. Sie dankte und stieg hinauf.

den 17. Mai.

Ich habe allerlei Bekanntschaft gemacht, Gesellschaft hab ich noch keine gefunden. Ich weiß nicht, was ich anzügliches für die Menschen haben muss, es mögen mich ihrer so viele, und hängen sich an mich, und da tut mirs weh, wenn unser Weg nur so eine kleine Strecke miteinander geht. Wenn du fragst, wie die Leute hier sind? muss ich dir sagen: wie überall! Es ist ein einförmig Ding uns Menschengeschlecht. Die meisten verarbeiten den größten Teil der Zeit, um zu leben, und das Bissgen, das ihnen von Freiheit übrig bleibt, ängstigt sie so, dass sie alle Mittel aufsuchen, ums los zu werden. O Bestimmung des Menschen! Aber eine rechte gute Art Volks! Wann ich mich vergesse, manchmal mit ihnen die Freuden genieße, die so den Menschen noch gewährt sind, an einem artig besetzten Tisch, mit aller Offen- und Treuherzigkeit sich herum zu spaßen, eine Spazierfahrt, einen Tanz zur rechten Zeit anzuordnen und dergleichen, das tut eine ganz gute Würkung auf mich, nur musst mir nicht einfallen, dass noch so viele andere Kräfte in mir ruhen, die alle ungenutzt vermodern, und die ich sorgfältig verbergen muss. Ach das engt all das Herz so ein – Und doch! Missverstanden zu werden, ist das Schicksal von unser einem. 

Ach dass die Freundin meiner Jugend dahin ist, ach dass ich sie je gekannt habe! Ich würde zu mir sagen: du bist ein Tor! du suchst, was hienieden nicht zu finden ist. Aber ich habe sie gehabt, ich habe das Herz gefühlt, die große Seele, in deren Gegenwart ich mir schien mehr zu sein als ich war, weil ich alles war was ich sein konnte. Guter Gott, blieb da eine einzige Kraft meiner Seele ungenutzt, konnt ich nicht vor ihr all das wunderbare Gefühl entwickeln, mit dem mein Herz die Natur umfasst, war unser Umgang nicht ein ewiges Weben von feinster Empfindung, schärfstem Witze, dessen Modifikationen bis zur Unart alle mit dem Stempel des Genies bezeichnet waren? Und nun – Ach ihre Jahre, die sie voraus hatte, führten sie früher ans Grab als mich. Nie werd ich ihrer vergessen, nie ihren festen Sinn und ihre göttliche Duldung. 

Vor wenigen Tagen traf ich einen Jungen V ..an, ein offener Junge, mit einer gar glücklichen Gesichtsbildung. Er kommt erst von Akademien, dünkt sich nicht eben weise, aber glaubt doch, er wüsste mehr als andere. Auch war er fleißig, wie ich an allerlei spüre, kurz er hatt´  hübsche Kenntnisse. Da er hörte, dass ich viel zeichnete, und Griechisch konnte, zwei Meteore hier zu Land, wandt er sich an mich und kramte viel Wissens aus, Batteux bis zu Wood, von de Piles zu Winkelmann, und versicherte mich, er habe Sulzers Theorie den ersten Teil ganz durchgelesen, und besitze ein Manuscript von Heynen über das Studium der Antike. Ich lies das gut sein. 

Noch gar einen braven Kerl habe ich kennen lernen, den fürstlichen Amtmann. Einen offenen, treuherzigen Menschen. Man sagt, es soll eine Seelenfreude sein, ihn unter seinen Kindern zu sehen, deren er neune hat. Besonders macht man viel Wesens von seiner ältesten Tochter. Er hat mich zu sich gebeten, und ich will ihn ehster Tage besuchen, er wohnt auf einem fürstlichen Jagdhofe, anderthalb Stunden von hier, wohin er, nach dem Tode seiner Frau, zu ziehen die Erlaubnis erhielt, da ihm der Aufenthalt hier in der Stadt und dem Amthause zu weh tat. 

Sonst sind einige verzerrte Originale mir in Weg gelaufen, an denen alles unausstehlich ist, am unerträglichen ihre Freundschaftsbezeugungen. Leb wohl! Der Brief wird recht sein, er ist ganz historisch.

am 22. Mai.

Dass das Leben des Menschen nur ein Traum sei, ist manchem schon so vorgekommen, und auch mit mir zieht dieses Gefühl immer herum. Wenn ich die Einschränkung so ansehe, welche die tätigen und forschenden Kräfte des Menschen eingesperrt sind, wenn ich sehe, wie alle Würksamkeit dahinaus läuft, sich die Befriedigung von Bedürfnissen zu verschaffen, die wieder keinen Zweck haben, als unsere arme Existenz zu verlängern, und dann, dass alle Beruhigung über gewisse Punkte des Nachforschens nur eine träumende Resignation ist, da man sich die Wände, zwischen denen man gefangen sitzt, mit bunten Gestalten und lichten Aussichten bemalt. Das alles, Wilhelm, macht mich stumm. Ich kehre in mich selbst zurück, und finde eine Welt! Wieder mehr in Ahndung und dunkler Begier, als in Darstellung und lebendiger Kraft. Und da schwimmt alles vor meinen Sinnen, und ich lächle dann so träumend weiter in die Welt. 

Dass die Kinder nicht wissen, warum sie wollen, darin sind alle hochgelehrte Schul- und Hofmeister einig. Dass aber auch Erwachsene, gleich Kindern, auf diesem Erdboden herumtaumeln, gleichwie jene nicht wissen, woher sie kommen und wohin sie gehen, eben so wenig nach wahren Zwecken handeln, eben so durch Biskuit und Kuchen und Birkenreiser regiert werden, das will niemand gern glauben, und mich dünkt, man kann es mit Händen greifen. 

Ich gestehe dir gern, denn ich weiß, was du mir hierauf sagen möchtest, dass diejenigen die glücklichsten sind, die gleich den Kindern in Tag hinein leben, ihre Puppe herum schleppen, aus und anziehen, und mit großem Respekte um die Schublade herum schleichen, wo Mama das Zuckerbrot hinein verschlossen hat, und wenn sie das gewünschte endlich erhaschen, es mit vollen Backen verzieren, und rufen: Mehr! das sind glückliche Geschöpfe! Auch denen ist’s wohl, die ihren Lumpenbeschäftigungen, oder wohl gar ihren Leidenschaften prächtige Titel geben, und sie dem Menschengeschlecht als Riesenoperationen zu dessen Heil und Wohlfahrt anschreiben. Wohl dem, der so sein kann! Wer aber in seiner Demut erkennt, wo das alles hinausläuft, der so sieht, wie artig jeder Bürger, dem´s  wohl ist, sein Gärtchen zum Paradiese zuzustutzen weiß, und wie unverdrossen dann doch auch der Unglückliche unter der Bürde seines Weg fortkriecht, und alle gleich interessiert sind, das Licht dieser Sonne noch eine Minute länger zusehen, ja! der ist still und bildet auch seine Welt aus sich selbst, und ist auch glücklich, weil er ein Mensch ist. Und dann, so eingeschränkt er ist, hält er doch immer im Herzen das süße Gefühl von Freiheit, und dass er diesen Kerker verlassen kann, wann er will.

am 26. Mai.

Du kennst von Alters her meine Art, mich anzubauen, irgendwie mir an einem vertraulichen Orte ein Hütchen aufzuschlagen, und da mit aller Einschränkung zu herbergen. Ich hab auch hier wieder ein Plätzchen angetroffen, das mich angezogen hat. 

Eine Stunde von der Stadt liegt ein Ort, den sie Walheim*** nennen. Die Lage an einem Hügel ist sehr interessant, und wenn man oben auf dem Fußpfade zum Dorfe heraus geht, übersieht man mit Einem das ganze Tal. Eine gute Wirtin, die gefällig und munter in ihrem Alter ist, schenkt Wein, Bier, Caffee, und was über alles geht, sind zwei Linden, die mit ihren ausgebreiteten Ästen den kleinen Platz vor der Kirche bedecken, der ringsum mit Bauerhäusern Scheuern und Höfen eingeschlossen ist. So vertraulich, so heimlich hab ich nicht leicht ein Plätzchen gefunden, und dahin lass ich mein Tischchen aus dem Wirtshaus bringen und meinen Stuhl, und trinke meinen Caffee da, und lese meinen Homer. Das erste Mal als ich durch einen Zufall an einem schönen Nachmittage unter die Linden kam, fand ich das Plätzchen so einsam. Es war alles im Felde. Nur ein Knabe von ohngefähr vier Jahren saß an der Erde, und hielt ein anderes etwa halbjähriges vor ihm zwischen seinen Füßen sitzendes Kind mit beiden Armen wider seine Brust, so dass es ihm zu einer Art Sessel diente, und ohngeachtet der Munterkeit, womit er aus seinen schwarzen Augen herumschaute, ganz ruhig saß. Mich vergnügte der Anblick, und ich setzte mich auf einen Pflug, der gegen über stund, und zeichnete die brüderliche Stellung mit vielem Ergötzen, ich fügte den nächsten Zaun, ein Tennentor und einige gebrochene Wagenräder bei, wie es alle hintereinander stund, und fand nach Verlauf einer Stunde, dass ich eine wohlgeordnete sehr interessante Zeichnung verfertigt hatte, ohne das mindeste von dem meinen hinzutun. Das bestärkte mich in meinem Vorsatze, mich künftig allein an die Natur zu halten. Sie allein ist unendlich reich, und sie allein bildet den großen Künstler. Man kann zum Vorteile der Regeln viel sagen, ohngefähr was man zum Lobe der bürgerlichen Gesellschaft sagen kann. Ein Mensch, der sich nach ihnen bildet, wird nie etwas abgeschmacktes und schlechtes hervor bringen, wie einer, der sich durch Gesetze und Wohlstand modeln lässt,  nie ein unerträglicher Nachbar, nie ein merkwürdiger Bösewicht werden kann; dagegen wird aber auch alle Regeln, man rede was man wolle, das wahre Gefühl von Natur und den wahren Ausdruck derselben zerstören! sagst du, das ist zu hart! Sie schränkt nur ein, beschneidet die geilen Reben etc. Guter Freund, soll ich dir ein Gleichnis geben: es ist damit wie mit der Liebe, ein junges Herz hängt ganz an einem Mädchen, bringt alle Stunden seines Tages bei ihr zu, verschwendet all seine Kräfte, all sein Vermögen, um jeden Augenblick auszudrücken, dass er sich ganz ihr hingiebt. Und da käme ein Philister, ein Mann, der in einem öffentlichen Amte steht, und sagte zu ihm: feiner junge Herr, lieben ist menschlich, nur müsst ihr menschlich lieben! Teilet eure Stunden ein, die einen zur Arbeit, und die Erholungsstunden widmet eurem Mädchen, berechnet euer Vermögen, und was euch von eurer Notdurft übrig bleibt, davon verwehr ich euch nicht ihr ein Geschenk, nur nicht zu oft, zu machen. Etwa zu ihrem Geburts- und Namenstage etc. – Folgt der Mensch, so giebt´s einen brauchbaren jungen Menschen, und ich will selbst jedem Fürsten raten, ihn in ein Collegium zu setzen, nur mit seiner Liebe ist´s am Ende, und wenn er ein Künstler ist, mit seiner Kunst. O meine Freunde! warum der Strom des Genies so selten ausbricht, so selten in hohen Fluten hereinbraust, und eure staunende Seele erschüttert. Lieben Freunde, da wohnen die gelassnen Kerls auf beiden Seiten des Ufers, denen ihr Gartenhäuschen, Tulpenbeete, und Krautfelder zu Grunde gehen würden, und die daher in Zeiten mit dämmen und ableiten der künftig drohenden Gefahr abzuwehren wissen.

am 27.Mai.

Ich bin, wie ich sehe, in Verzückung, Gleichnisse und Deklamationen verfallen, und habe drüber vergessen, dir auszuerzählen, was mit den Kindern weiter worden ist. Ich saß ganz in malerischer Empfindungen vertieft, die dir mein gestriges Blatt sehr zerstückt darlegt auf meinem Pfluge wohl zwei Stunden. Da kommt gegen Abend eine junge Frau auf die Kinder los, die sich die Zeit nicht gerührt hatten, mit einem Körbchen am Arme, und ruft von weitem: Philips, du bist recht brav. Sie grüßte mich, ich dankte ihr, stand auf, trat näher hin, und fragte sie: ob sie die Mutter zu den Kindern wäre? Sie bejahte es, und indem sie dem Ältesten einen halben Weck gab, nahm sie das Kleine auf und küsste es mit aller mütterlichen Liebe. Ich habe, sagte sie, meinem Philips das Kleine zu halten gegeben, und bin in die Stadt gegangen mit meinem Ältsten, um weiß Brot zu holen, und Zucker, und ein irden Breipfännchen; ich sah das alles in dem Korbe, dessen Deckel abgefallen war. Ich will meinem Hans (das war der Name des Jüngsten) ein Süppchen kochen zum Abende, der lose Vogel der Große hat mir gestern das Pfännchen zerbrochen, als er sich mit Philipsen um die Scharre des Breis zankte. Ich fragte nach dem Ältesten, und sie hatte mir kaum gesagt, dass er auf der Wiese sich mit ein Paar Gänsen herumjagte, als er hergesprungen kam, und dem zweiten eine Haselgerte mitbrachte. Ich unterhielt mich weiter mit dem Weibe, und erfuhr, dass sie das Schulmeisters Tochter sei, und dass ihr Mann eine Reise in die Schweiz gemacht habe, um die Erbschaft eines Vettern zu holen. Sie haben ihn drum betrügen wollen, sagte sie, und ihm auf seine Briefe nicht geantwortet, da ist er selbst hineingegangen. Wenn ihm nur kein Unglück passiert ist, ich höre nichts von ihm. Es ward mir schwer, mich von dem Weiber loszumachen, gab jedem der Kinder einen Kreuzer, und auch fürs jüngste gab ich ihr einen, ihm einen Weck mitzubringen zur Suppe, wenn sie in die Stadt gieng, und so schieden wir von einander. 

Ich sage dir, mein Schatz, wenn meine Sinnen gar nicht mehr halten wollen, so lindert´s all den Tumult, der Anblick eines solchen Geschöpfs, das in der glücklichen Gelassenheit so den engen Kreis seines Daseins ausgeht, von einem Tag zum anderen sich durchhilft, die Blätter abfallen sieht, und nichts dabei denkt, als dass der Winter kömmt. 

Seit der Zeit bin ich oft draus, die Kinder sind ganz an mich gewöhnt. Sie kriegen Zucker, wenn ich Caffee trinke, und teilen das Butterbrot und die saure Milch mit mir des Abends. Sonntags fehlt ihnen der Kreuzer nie, und wenn ich nicht nach der Betstunde da bin, so hat die Wirtin Ordre, ihn auszubezahlen. 

Sie sind vertraut, erzählen mir allerhand, und besonders ergötz ich mich an ihren Leidenschaften und simplen Ausbrüchen des Begehrens, wenn mehr Kinder aus dem Dorfe sich versammeln. 

Viel Mühe hat’s gekostet, der Mutter ihre Besorgnis zu benehmen: „Sie möchten den Herren inkommodieren.“

am 16. Juni.

Warum ich Dir nicht schreibe? Fragst du das und bist doch auch der Gelehrten einer. Du solltest raten, dass ich mich wohl befinde, und zwar – Kurz und gut, ich habe eine Bekanntschaft gemacht, die mein Herz näher angeht. Ich habe – ich weiß nicht. 

Dir in der Ordnung zu erzählen, wie’s zugegangen ist, dass ich eins der liebenswürdigsten Geschöpfe haben kennen lernen, wird schwer halten, ich bin vergnügt und glücklich, und so kein guter Historienschreiber. 

Einen Engel! Pfui! das sagt jeder von der seinigen! Nicht wahr? Und doch bin ich nicht im Stande, dir zu sagen, wie sie vollkommen ist, warum sie vollkommen ist, genug, sie hat all meinen Sinn gefangen genommen. 

So viel Einfalt bei so viel Verstand, so viel Güte bei so viel Festigkeit, und die Ruhe der Seele bei dem wahren Leben unserer Tätigkeit. – 

Das ist alles garstiges Gewäsche, was ich da von ihr sage, leidige Abstraktionen, die nicht einen Zug ihres selbst ausdrücken. Ein andermal – Nein, nicht ein andermal, jetzt gleich will ich dir´s erzählen. Tu ich’s jetzt nicht, geschäh´s niemals. Denn, unter uns, seit ich angefangen habe zu schreiben, war ich schon dreimal im Begriffe die Feder niederzulegen, mein Pferd satteln zu lassen und hinaus zu reiten – und doch schwur ich mir heute früh nicht hinaus zu reiten – und gehe doch alle Augenblicke ans Fenster zu sehen, wie hoch die Sonne noch steht. 

Ich hab’s nicht überwinden können, ich musste zu ihr hinaus. Da bin ich wieder, Wilhelm, und will mein Butterbrot zur Nacht essen und dir schreiben. Welch eine Wonne das für meine Seele ist, sie in dem Kreise der lieben munteren Kinder ihrer acht Geschwister zu sehen! – 

Wenn ich so fortfahre, wirst du am Ende so klug sein wie am Anfange, höre denn, ich will mich zwingen ins Detail zu gehen. 

Ich schrieb dir neulich, wie ich den Amtmann S. habe kennen lernen, und wie er mich gebeten habe, ihn bald in seiner Einsiedelei, oder vielmehr seinem kleinen Königreiche zu besuchen. Ich vernachlässige das, und wäre vielleicht nie hingekommen, hätte mir der Zufall nicht den Schatz entdeckt, der in der stillen Gegend verborgen liegt. 

Unsere jungen Leute hatten einem Ball auf dem Lande angestellt, zu dem ich mich dann auch willig finden ließ. Ich bot einem hiesigen guten, schönen, weiters unbedeutenden Mädchen die Hand, und es wurde ausgemacht, dass ich eine Kutsche nehmen, mit meiner Tänzerin und ihre Base nach dem Orte der Lustbarkeit hinausfahren, und auf dem Wege Charlotten S. mitnehmen sollte. Sie werden ein schönes Frauenzimmer kennen lernen, sagte meine Gesellschafterin, da wird durch den weiten schön ausgehauenen Wald nach dem Jagdhause fuhren. Nehmen sie sich in Acht, versetzte die Base, dass Sie sich nicht verlieben! Wie so? sagt´ ich: Sie ist schon vergeben, antwortete jene, an einem sehr braven Mann, der weggereist ist, seine Sachen in Ordnung zu bringen nach seines Vaters Tod, und sich um eine ansehnliche Versorgung zu bewerben. Die Nachricht war mir ziemlich gleichgültig. 

Die Sonne war noch eine Viertelstunde vom Gebürge, als wir vor dem Hoftore anfuhren, es war schwüle, und die Frauenzimmer äußerten ihre Besorgnis wegen eines Gewitters, dass ich in weißgrauen dumpfigen Wölkchen rings am Horizonte zusammen zu ziehen schien. Ich täuschte ihre Furcht mit anmaßlicher Wetterkunde, ob mir gleich selbst zu ahnden anfieng, unsere Lustbarkeit werde einen Stoß leiden. 

Ich war ausgestiegen. Und einem Magd, die ans Tor kam, bat uns, einen Augenblick zu verziehen, Mamsell Lottchen würde gleich kommen. Ich gieng durch den Hof nach dem wohlgebauten Hause, und da ich die vorliegenden Treppen hinaufgestiegen war und in die Türe trat, fiel mir das reizendste Schauspiel in die Augen, das ich jemals gesehen habe. In dem Vorsaal wimmelten sechs Kinder, von eilf zu zwei Jahren, um ein Mädchen von schöner mittlerer Taille, die ein simples weißes Kleid mit blassesten Schleifen an Arm und Brust anhatte. Sie hielt ein schwarzes Brot und schnitt ihren Kleinen rings herum jedem sein Stück nach Proportion ihres Alters und Appetites ab, gab´s jedem mit solcher Freundlichkeit, und jedes rufte so ungekünstelt sein: Danke! indem es mit den kleinen Händchen lang in die Höhe gereicht hatte, eh es noch abgeschnitten war, und nun mit seinem Abendbrode vergnügt entweder wegsprang, oder nach seinem stillen Charakter gelassen davon nach dem Hoftore zugieng, um die Fremden und die Kutsche zu sehen, darinnen ihre Lotte wegfahren sollte. Ich bitte um Vergebung, sagte sie, dass ich Sie herein bemühe, und die Frauenzimmer warten lasse. Über dem anziehen und allerlei Bestellungen fürs Haus in meiner Abwesenheit, habe ich vergessen meinen Kindern ihre Vesperstück zu geben, und sie wollen von niemanden Brot geschnitten haben als von mir. Ich machte ihr ein unbedeutendes Compliment, und meine ganze Seele ruhte auf der Gestalt, dem Tone, dem Betragen, und hatte eben Zeit, mich von der Überraschung zu erholen, als sie in die Stube lief ihre Handschuh und Fächer zu nehmen. Die Kleinen sahen mich in einiger Entfernung so von der Seite an, und ich gieng auf das jüngste los, das ein Kind von der glücklichsten Gesichtsbildung war. Es zog sich zurück, als eben Lotte zur Türe herauskam und sagte: Louis, gibt dem Herrn Vetter eine Hand. Das tat der Knabe sehr freimütig, und ich konnte mich nicht enthalten, ihn ohngeachtet seines kleinen Rotzenäschen herzlich zu küssen. Vetter?, sagt´ ich, indem ich ihr die Hand reichte, glauben Sie, dass ich des Glücks wert sei mit Ihnen verwandt zu sein? O! sagte sie, mit einem leichtfertigen Lächeln, unsere Vetterschafft ist sehr weitläufig, und es wäre mir leid, wenn sie der Schlimmste darunter sein sollten. Im Gehen gab sie Sophien, der ältsten Schwester nach ihr, einem Mädchen von ohngefähr eilf Jahren, den Auftrag, wohl auf die Kleine Acht zu haben, und den Papa zu grüßen, wenn er vom Spazierritte zurückkäme. Den Kleinen sagte sie, sie sollten ihrer Schwester Sophie folgen, als wenn sie’s selbst wäre, das denn auch einige ausdrücklich versprachen. Eine kleine naseweise Blondine aber, von ohngefähr sechs Jahren, sagte: du bist’s doch nicht, Lottchen! wir haben dich doch lieber. Die zwei ältsten der Knaben waren hinten auf die Kutsche geklettert, und auf mein Vorbitten erlaubte sie ihnen, bis vor den Wald mit zu fahren, wenn sie versprächen, sich nicht zu necken, und sich recht fest zu halten. 

Wir hatten uns kaum zurecht gesetzt, die Frauenzimmer sich beweillkommt, wechselsweis über den Anzug und vorzüglich die Hütchen ihre Anmerkungen gemacht, und die Gesellschaft, die man zu finden erwartete, gehörig durchgezogen; als Lotte den Kutscher halten, und ihre Brüder herabsteigen ließ, die noch einmal ihre Hand zu küssen begehrten, das denn der ältste mit aller Zärtlichkeit, die dem Alter von fünfzehn Jahren eigen sein kann, der andere mit viel Heftigkeit und Leichtsinn tat. Sie ließ die Kleinen noch einmal grüßen, und wir fuhren weiter. 

Die Base fragte: ob sie mit dem Buch fertig wäre, dass sie ihr neulich geschickt hätte. Nein, sagte Lotte, es gefällt mir nicht, sie können´s wieder haben. Das vorige war auch nicht besser. Ich erstaunte, als ich fragte: was es für Bücher wären und sie mir antwortete: * –  Ich fand so viel Charakter in allem was sie sagte, ich sah mit jedem Wort neue Reize, neue Strahlen des Geists aus ihren Gesichtszügen hervorbrechen, die sich nach und nach vergnügt zu entfalten schienen, weil sie an mir fühlte, dass ich sie verstund. 

Wie ich jünger war, sagte sie, liebte ich nichts so sehr als die Romanen. Weiß Gott wie wohl mir´s war, mich so Sonntags in ein Eckgen zu setzen, und mit ganzem Herzen an dem Glücke und Unstern einer Miss Jenny Teil zu nehmen. Ich leugne auch nicht, dass die Art noch einige Reize für mich hat. Doch da ich so selten an ein Buch komme, so müssen sie auch recht nach meinem Geschmacke sein. Und der Autor ist mir der liebste, indem ich meine Welt wieder finde, bei dem´s zugeht wie um mich, und dessen Geschichte mir doch so interessant so herzlich wird, als mein eigen häuslich Leben, das freilich kein Paradies, aber doch im Ganzen eine Quelle unsäglicher Glückseligkeit ist. 

Ich bemühte mich, meine Bewegungen über diese Worte zu verbergen. Das ging freilich nicht weit, denn da ich sie mit solcher Wahrheit im Vorbeigehn vom Landpriester von Wakefield vom *** -reden hörte, kam ich eben außer mich und sagte ihr alles was ich musste, und bemerkte erst nach einiger Zeit, da Lotte das Gespräch an die anderen wendete, dass diese die Zeit über mit offenen Augen, als säßen  sie nicht da, da gesessen hatten. Die Base sah mich mehr als einmal mit einem spöttischen Näsgen an, daran mir aber nichts gelegen war.

 Das Gespräch fiel auf das Vergnügen am Tanze. Wenn diese Leidenschaft ein Fehler ist, sagte Lotte, so gesteh ich Ihnen gern, ich weiß nichts übers Tanzen. Und wenn ich was im Kopfe habe, und mir auf meinem verstimmten Klaviere eine Contretanz vortrommle, so ist alles wieder gut. 

Wie ich mich unter dem Gespräche in den schwarzen Augen weidete, wie die lebendigen Lippen und die frischen muntern Wangen meine ganze Seele anzogen, wie ich in den herrlichen Sinn ihrer Rede ganz versunken, oft gar die Worte nicht hörte, mit denen sie sich ausdruckte! Davon hast du eine Vorstellung, weil du mich kennst. Kurz, ich stieg aus dem Wagen wie ein Träumender, als wir vor dem Lusthause still hielten, und war so in Träumen rings in der dämmernden Welt verloren, dass ich auf die Musik kaum achtete, die uns von dem erleuchteten Saale herunter entgegen schalte. 

Die zwei Herren Audran und ein gewisser N. N. wer behält all die Namen! die der Base und Lottens Tänzer waren, empfiengen uns am Schlage, bemächtigten sich ihrer Frauenzimmer und ich führte die meinige hinauf. 

Wir schlangen uns in Menuets um einander herum, ich forderte ein Frauenzimmer nach dem anderen auf, und just die unleidlichsten konnten nicht dazu kommen, einem die Hand zu reichen, und ein Ende zu machen. Lotte und ihr Tänzer fiengen einen englischen an, und wie wohl mir´s war, als sie auch in der Reihe die Figur mit uns anfieng, magst du fühlen. Tanzen muss man sie sehen. Siehst du, sie ist so mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele dabei, ihr ganzer Körper, eine Harmonie, so sorglos, so unbefangen, als wenn das eigentlich alles wäre, als wenn sie sonst nichts dächte, nichts empfände, und in dem Augenblicke gewiss schwindet alles andere vor ihr. 

Ich bat sie um den zweiten Contretanz, sie sagte mir den dritten zu, und mit der liebenswürdigsten Freimütigkeit von der Welt versicherte sie mir, dass sie herzlich gern deutsch tanzte. Es ist hier so Mode, fuhr sie fort, dass jedes paar, das zusammen gehört, beim Deutschen zusammen bleibt, und mein Chapeau walzt schlecht, und dankt mir’s, wenn ich in die Arbeit erlasse, ihr Frauenzimmer kann´s auch nicht und mag nicht, und ich habe im Englischen gesehen, dass sie gut walzen, wenn sie nun mein sein wollen fürs Deutsche, so gehn sie und bieten sich’s aus von meinem Herrn, ich will zu ihrer Dame gehen. Ich gab ihr die Hand drauf und es wurde schon arrangiert, dass ihrem Tänzer inzwischen die Unterhaltung meiner Tänzerin aufgetragen ward. 

Nun gieng´s, und wir ergötzen uns eine Weile an mannchfaltigen Schlingungen der Arme. Mit welchem Reize, mit welcher Flüchtigkeit bewegte sie sich! Und da wir nur gar ans Walzen kamen, und wie die Sphären um einander herumrollten, gieng´s freilich anfangs, weil´s die wenigsten können, ein bissgen bunt durch einander. Wir waren klug und ließen sie austoben, und wie die ungeschicktesten den Plan geräumt hatten, fielen wir ein, und hielten mit noch einem Paare, mit Audran und seiner Tänzerin, wacker aus. Nie ist mir´s so leicht vom Flecke gegangen. Ich war kein Mensch mehr. Das liebenswürdigste Geschöpf in den Armen zu haben, und mit ihr herum zu fliegen wie Wetter, dass alles rings umher vergieng und – Wilhelm, um ehrlich zu sein, tat ich aber doch den Schwur, das ein Mädchen, das ich liebte, auf das ich Ansprüche hätte, mir nie mit einem anderen walzen sollte, als mit mir, und wenn ich drüber zu Grunde gehen müsste, du verstehst mich. 

Wir machten einige Touren gehend im Saale, um zu verschnaufen. Dann setzte sie sich, und die Zitronen, die ich weggestohlen hatte beim Punsch machen, die nun die einzigen noch übrigen waren, und die ich ihr in Schnittchen mit Zucker zur Erfrischung brachte, taten fürtreffliche Würkung, nur dass mir mit jedem Schnittgen das ihre Nachbarin aus der Tasse nahm, ein Stich durchs Herz gieng, der ich’s nun freilich Schanden halber mit präsentieren musste. 

Beim dritten Englischen waren wir das zweite Paar. Wie wir die Reihe so durchtanzten, und ich, weiß Gott mit wie viel Wonne, an ihrem Arme und Auge hieng, das voll vom wahrsten Ausdrucke des offensten reinsten Vergnügens war, kommen wir an eine Frau, die mir wegen ihrer liebenswürdigen Miene auf einem nicht mehr ganz jungen Gesichte, merkwürdig gewesen war. Sie sieht Lotten lächelnd an, hebt einen drohenden Finger auf, und nennt den Namen Albert zweimal im Vorbeifliegen mit viel Bedeutung. 

Wer ist Albert, sagte ich zu Lotten, wenn´s nicht Vermessenheit ist zu fragen. Sie war im Begriffe zu antworten, als wir uns scheiden mussten die große Achte zu machen, und mich dünkte einiges Nachdenken auf ihrer Stirne zu sehen, als wir so vor einander vorbeikreuzten. Was soll ich’s ihnen leugnen, sagte sie, indem sie mir die Hand zur Promenade bot. Albert ist ein braver Mensch, dem ich so gut als verlobt bin! Nun war mir das nichts neues, denn die Mädchen hatten mir´s auf dem Wege gesagt, und war mir doch so ganz neu, weil ich das noch nicht im Verhältnisse auf sie, die mir ihn so wenig Augenblicken so wert geworden war, gedacht hatte. Genug ich verwirrte mich, vergaß mich, und kam zwischen das unrechte Paar hinein, das alles drunter und drüber gieng, und Lottens ganze Gegenwart und Zerren und Ziehen nötig war, um´s schnell wieder in Ordnung zu bringen. 

Der Tanz war noch nicht zu Ende, als die Blitze, wir schon lange am Horizonte leuchten gesehn, und die ich immer für Wetterkühlen ausgegeben hatte, viel stärker zu werden anfiengen, und der Donner die Musik überstimmte. Drei Frauenzimmer liefen aus der Reihe, denen ihre Herren folgten, die Unordnung ward allgemein, und die Musik hörte auf. Es ist natürlich, wenn uns ein Unglück oder etwas schröckliches im Vergnügen überrascht, dass es stärkere Eindrücke auf uns macht, als sonst, teils wegen dem Gegensatze, der sich so lebhaft empfinden lässt, teils und noch mehr, weil unsere Sinnen einmal der Fühlbarkeit geöffnet sind und also desto schneller einen Eindruck annehmen. Diesen Ursachen muss ich die wunderbaren Grimassen zuschreiben, in die ich mehrere Frauenzimmer ausbrechen sah. Die Klügste setzte sich in eine Ecke, mit dem Rücken gegen das Fenster, und hielt die Ohren zu, eine andere kniete sich vor ihr nieder und verbarg den Kopf in der ersten Schoß, eine dritte schob sich zwischen beide hinein, und umfasste ihre Schwesterchen mit tausend Tränen. Einige wollten nach Hause, andre, die noch weniger wussten was sie taten, hatte nicht so viel Besinnungskraft, den Keckheiten unsere jungen Schluckers zu steuern, die sehr beschäftigt zu sein schienen, alle die ängstlichen Gebete, die dem Himmel bestimmt waren, von den Lippen der schönen Bedrängten wegzufangen. Einige unserer Herren hatten sich hinab begeben, um ein Pfeifchen in Ruhe zu rauchen, und die übrige Gesellschaft schlug es nicht aus, als die Wirtin auf den klugen Einfall kam, uns ein Zimmer anzuweisen, das Läden und Vorhänge hätte. Kaum waren wir da angelangt, als Lotte beschäftigt war, einen Kreis von Stühlen zu stellen, die Gesellschaft zu setzen, und den Vortrag zu einem Spiele zu tun. 

Ich sah manchen, der in Hoffnung auf ein saftiges Pfand seine Mäulchen spitzte, und seine Glieder reckte. Wir spielen Zählens, sagte sie, nur gebt Acht! Ich gehe im Kreis herum von der Rechten zur Linken, und so zählt ihr auch rings herum jeder die Zahl die an ihn kommt, und  das muss gehn wie ein Lauffeuer, und wer stockt, oder sich irrt, kriegt eine Ohrfeige, und so bis tausend. Nun war das lustig anzusehen. Sie gieng mit ausgestrecktem Arme im Kreise herum, Eins! fieng der erste an, der Nachbar zwei! drei! der folgende und so fort; dann fieng sie an geschwinder zu gehn, immer geschwinder. Da versah´s einer, Patsch eine Ohrfeige, und über das Gelächter der folgende auch Patsch! Und immer geschwinder. Ich selbst kriegte zwei Maulschellen und glaubte mit innigem Vergnügen zu bemerken, dass sie stärker seien, als sie sie den übrigen zuzumessen pflegte. Ein allgemeines Gelächter und Geschwärme machte dem Spiel ein Ende, ehe noch das Tausend ausgezählt war. Die Vertrautesten zogen einander beiseite, das Gewitter war vorüber, und ich folgte Lotten in den Saal. Unterwegs sagte sie: über die Ohrfeigen haben sie Wetter und alles vergessen! Ich konnte ihr nichts antworten. Ich war, fuhr sie fort eine der Furchtsamsten, und indem ich mich herzhaft stellte, um den anderen Mut zu geben, bin ich mutig geworden. Wir traten ans Fenster, es donnerte abseitwärts und der herrliche Regen säuselte auf das Land, und der erquickendste Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu uns auf. Sie stand auf ihrem Ellenbogen gestützt und ihr Blick durchdrang die Gegend, sie sah gen Himmel und auf mich, ich sah ihr Auge tränenvoll, sie legte ihre Hand auf die meinige und sagte – Klopstock! Ich versank in dem Strome von Empfindungen, den sie in dieser Losung über mich ausgoss. Ich ertrug´s nicht, neigte mich auf ihre Hand und küsste sie unter den wonnevollsten Tränen. Und sah nach ihrem Auge wieder – Edler! hättest du deine Vergötterung in diesem Blicke gesehn, und möcht ich nun deinen so oft entweihten Namen nie wieder nennen hören!

am 19. Juni.

Wo ich neulich Erzählung geblieben bin, weiß ich nicht mehr, das weiß ich,  dass es zwei Uhr des Nachts war, als ich zu Bette kam, und dass, wenn ich dir hätte vorschwätzen können, statt zu schreiben, ich dich vielleicht bis an Tag aufgehalten hätte. 

Was auf unsere Hereinfahrt vom Balle passiert ist, hab ich noch nicht erzählt, hab heute keinen Tag dazu. 

Es war der liebenswürdste Sonnenaufgang. Der tröpfelnde Wald und das erfrischte Feld umher! Unsere Gesellschafterinnen nickten ein. Sie fragte mich, ob ich nicht auch von der Partie sein wollte, ihrentwegen sollt ich unbekümmert sein. So lang ich diese Augen offen sehe, sagt´ ich und sah sie fest an, so lang hat´s keine Gefahr. Und wir haben beide ausgehalten, bis an ihr Tor, da ihr die Margd leise aufmachte, und auf ihr Fragen vom Vater und den Kleinen versicherte, dass alles wohl sei und noch schlief. Und da verließ ich sie mit dem Versichern: sie selbigen Tags noch zu sehn, und hab mein Versprechen gehalten, und seit der Zeit können Sonne, Mond und Sterne geruhig ihre Wirtschafts treiben, ich weiß weder dass Tag noch dass Nacht ist, und die ganze Welt verliert sich um mich her.

am 21. Juni.

Ich lebe so glückliche Tage, wie sie Gott seinen Heiligen ausspart, und mit mir mag wedren was will; so darf ich nicht sagen, dass ich die Freuden des Lebens nicht genossen habe. Du kennst mein Walheim. Bin ich völlig etabliert. Von dort hab ich nur eine halbe Stunde zu Lotten, dort fühl ich mich selbst und alles Glück, das dem Menschen gegeben ist. 

Hätte ich gedacht, als ich mir Walheim zum Zwecke meiner Spaziergänge wählte, dass es so nahe am Himmel läge! Wie oft habe ich das Jagdhaus, das nun alle meine Wünsche einschließt, auf meinen weiten Wanderungen bald vom Berge, bald in der Ebene den Fluss gesehen. 

Lieber Wilhelm, ich habe allerlei nachgedacht, über die Begier im Menschen sich auszubreiten, neue Entdeckungen zu machen, herumzuschweifen; und dann wieder über den inneren Trieb, sich der Einschränkung willig zu ergeben, und in dem Gleise der Gewohnheit so hinzufahren, und sich weder um rechts noch links zu bekümmern. 

Es ist wunderbar, wie ich hierher kam und vom Hügel in das schöne Tal schaute, wie es mich rings umher anzog. Dort das Wäldchen! Ach könntest du dich in seine Schatten mischen! Dort die Spitze des Bergs! Ach könntest du von da sdie weite Gegend überschauen! Die in einander gekettete Hügel und vertrauliche Täler. O könnte ich mich in ihnen verlieren! – Ich eilte hin! und kehrte zurück, und hatte nicht gefunden was ich hoffte. O es ist mit der Ferne wie mit der Zukunft! Ein großes dämmerndes Ganze ruht vor unserer Seele, unsere Empfindung verschwimmt sich darinne, wie unser Auge, und wir sehnen uns, ach! unser ganzes Wesen hinzugeben, uns mit all der Wonne eines einzigen großen herrlichen Gefühls ausfüllen zu lassen. – Und ach, wenn wir hinzueilen, wenn das Dort nur Hier wird, ist alles vor wie nach, und wir stehen in unserer Armut, in unsere Eingeschränktheit, und unsere Seele lechzt nach entschlüpftem Labsale. 

Und so sehnt sich der unruhigste Vagabund zuletzt wieder nach seinem Vaterlande, und findet in seiner Hütte, an der Brust seiner Gattin, in dem Kreise seiner Kinder und der Geschäfte zu ihrer Erhaltung all die Wonne, die er in der weiten öden Welt vergebens suchte. 

Wenn ich so das Morgens mit Sonnenaufgange hinausgehe nach meinem Walheim, und dort im Wirtsgarten mir meine Zuckererbsen selbst pflücke, mich hinsetze, und sie abfädme und dazwischen lese in meinem Homer. Wenn ich denn in der kleinen Küche mir einen Topf wähle, mir Butter aussteche, meine Schoten ans Feuer stelle, zudecke und mich dazu setze , sie manchmal umzuschütteln. Da fühl ich so lebhaft, wie die herrlichen übermütigen Freier der Penelope Ochsen und Schweine schlachten, zerlegen und braten. Es ist nichts, das mich so mit einer stillen, wahren Empfindung ausfüllte, als die die Züge patriarchalischen Lebens, die ich Gott sei Dank, ohne Affektation in meine Lebensart verweben kann. 

Wie wohl ist mir’s, dass mein Herz die simple harmlose Wonne des Menschen fühlen kann, der ein Krauthaupt auf seinen Tisch bringt, das er selbst gezogen, und nun nicht den Kohl allein, sondern all die guten Tage, den schönen Morgen, da er ihn pflanzte, die  lieblichen Abende, da er ihn begoss, und da er an dem fortschreitenden Wachstume seine Freude hatte, alle in einem Augenblicke wieder mit genießt.

am 29. Juni.

Vorgestern kam der Medikus hier aus der Stadt hinaus zum Amtmanne und fand mich auf der Erde unter Lottens Kindern, wie einige auf mir herumkrabbelten, andere mich neckten und wie ich sie kützelte, und ein großes Geschrei mit ihnen verführte. Der Doktor, der eine sehr dogmatische Drahtpuppe ist, und im Diskurs seine Manschetten in Falten legt, und den Kräusel bis zum Nabel herauszupft, fand dieses unter der Würde eines gescheuten Menschen, das merkte ich an seiner Nase. Ich ließ mich aber in nichts stören, ließ ihn sehr vernünftige Sachen abhandeln, und baute den Kindern ihre Kartenhäuser wieder, die sie zerschlagen hatten. Auch gieng er darauf in der Stadt herum und beklagte: des Amtmanns Kinder wären schon ungezogen genug, der Werther verdürbe sie nun völlig. 

Ja, lieber Wilhelm, meinem Herzen sind die Kinder am nächsten auf der Erde. Wenn ich so zu sehe und in dem kleinen Dinge die Keime aller Tugenden, aller Kräfte sehe, die sie einmal so nötig brauchen werden, wenn ich in dem Eigensinne, all die künftige Standhaftigkeit und Festigkeit des Charakters, in dem Mutwillen, allen künftigen guten Humor und die Leichtigkeit, über alle die Gefahren der Welt hinzuschlüpfen, erblicke, alles so unverdorben, so ganz! Immer, immer wiederhol ich die goldenen Worte des Lehrers der Menschen: wenn ihr nicht werdet wie eines von diesen! Und nun, mein Bester, sie, die unser gleichen sind, die wir als unsere Muster ansehen sollten; behandeln wir als Untertanen. Sie sollen keinen Willen haben! – Haben wir denn keinen? und wo liegt das Vorrecht? – Weil wir älter sind und gescheuter? – Guter Gott von deinem Himmel, alte Kinder siehst du, und junge Kinder und nichts weiter, und an welchen du mehr Freude hast, das hat dein Sohn schon lange verkündigt. Aber sie glauben an ihn hören ihn nicht, das ist auch was alt´s, und bilder ihre Kinder nach sich und – Adieu, Wilhelm, ich mag darüber nicht weiter radotieren.

am 1. Juli. 

Was Lotte einem Kranken sein muss, fühle ich an meinem eignen armen Herzen, das übler dran ist als manches, das auf dem Siechbette verschmachtet. Sie wird einige Tage bei einer rechtschaffenen Frau zubringen, die sich nach der Aussage der Ärzte ihrem Ende naht, und in diesen letzten Augenblicken will sie Lotton um sich haben. Ich war vorige Woche mit ihr den Pfarrer von St… zu besuchen, ein Örtgen, das eine Stunde seitwärts im Gebürge liegt. Wir kamen gegen viere dahin. Lotte hatte ihre zweite Schwester mitgenommen. Als wir in den, von zwei hohen Nussbäumen überschattet, Pfarrhof traten, saß der gute alte Mann auf einer Bank vor der Haustüre, und da er Lotten sah, ward er wie neubelebt, vergaß seinen Knotenstock, und wagte sich auf ihr entgegen. Sie lief hin zu ihm, nötigte ihn sich niederzusetzen, indem sie sich zu ihm setzte, brachte viele Grüße von ihrem Vater, herzte seinen garstigen schmutzigen jüngsten Buben, das Quakelgen seines Alters. Du hättest sie sehen sollen, wie sieht den Alten beschäftigte, wie sie ihre Stimme erhub um seinen halb tauben Ohren vernehmlich zu werden, wie sie ihm erzählte von jungen robusten Leuten, die unvermutet gestorben wären, von der Vortrefflichkeit des Carlsbades, und wie sie seinen Entschluss lobte, künftigen Sommer hinzugehen, und wie sie fand, dass er viel besser aussähe, viel munterer sei als das letztemal, da sie ihn gesehen. Ich hatte indes der Frau Pfarrern meine Höflichkeiten gemacht, der Alte wurde ganz munter, und da ich nicht umhin konnte, die schönen Nussbäume zu loben, die uns so lieblich beschatteten, fing er an, uns, wiewohl mit einiger Beschwerlichkeit, die Geschichte davon zu geben. Den alten sagte er, wissen wir nicht, wer den gepflanzt hat, einige sagen diese, andere jener Pfarrer. Der jüngere aber dorthinten ist so alt als meine Frau, im Oktober fünfzig Jahre. Ihr Vater pflanzte in des Morgens, als sie gegen Abend geboren wurde. Er war mein Vorfahr im Amte, und wie lieb ihm der Baum war, ist nicht zu sagen, mir ist er´s gewiss nicht weniger, meine Frau saß darunter auf einem Balken und strikte, als ich vor sieben und zwanzig Jahren als ein armer Student zum ersten Mal hier in Hof kam. Lotte fragte nach seiner Tochter, es hieß, sie sei mit Herrn Schmidt auf der Wiese hinaus zu den Arbeitern, und der Alte fuhr in seiner Erzählung fort, wie sein Vorfahr in lieb gewonnen und die Tochter dazu, und wir erst sein Vikar und dann sein Nachfolger geworden. Die Geschichte war nicht lange zu Ende, als die Jungfer Pfarrern mit dem sogenannten Herren Schmidt durch den Garten herkam, sie bewillkommte Lotten mit herzlicher Wärme, und ich muss sagen, sie gefiel mir nicht übel, eine rasche, wohlgewachsene Brünette, die einen die Kurzeit über auf dem Lande wohl unterhalten hätte. Ihr Liebhaber, denn als solchen stellte sich Herr Schmidt gleich dar, ein feiner, doch stiller Mensch, der sich nicht in unserer Gespräche mischen wollte, ob ihn gleich Lotte immer herein zog, und was mich am meisten betrübte, war, dass ich an seinen Gesichtszügen zu bemerken schien, es sei mir Eigensinn und übler Humor als Eingeschränktheit des Verstandes, der ihn sich mitzuteilen hinderte. In der Folge war dies nur leidlich zu deutlich, denn als Friederike beim Spazierengehen mit Lotten und verschiedentlich auch mit mir gieng, wurde das Herren Angesicht, das ohne das einer bräunlichen Farbe war, so sichtlich verdunkelt, dass es Zeit war, dass Lotte mich am Ärmel zupfte, und mir das Artigtun mit Friederiken abriet. Nun verdrießt mich nichts mehr als wenn die Menschen einander plagen, am meisten, wenn junge Leute in der Blüte des Lebens, da sie am offensten für alle Freuden sein könnten, einander die paar gute Tage mit Fratzen verderben, und nur erst zu spät das unersetzliche ihre Verschwendung einsehen. Mir wurmte das, und ich konnte nicht umhin, da wir gegen Abend in den Pfarrhof zurückkehrten, und an einem Tische gebrocktes Brot in Milch aßen, und der Diskurs auf Freude und Leid in der Welt roulierte, den Faden zu ergreifen, und recht herzlich gegen die üble Laune zu reden. Wir Menschen beklagen uns oft, fing ich an, dass der guten Tage so wenig sind, und der schlimmen so viel, und wie mich dünkt, meist mit Unrecht. Wenn wir immer ein offenes Herz hätten das Gute zu genießen, dass uns Gott für jeden Tag bereitet, wir würden alsdenn auch Kraft genug haben, das Übel zu tragen, wenn es kommt. – Wir haben aber unser Gemüt nicht in unserer Gewalt, versetze die Pfarrern, wie viel hängt vom Körper ab! wenn man nicht wohl ist, ist´s einem überall nicht recht. – Ich gestund ihr das ein. Wir wollen´s also, fuhr ich fort, eine Krankheit ansehen, und fragen ob dafür kein Mittel ist!- Das lässt sich hören, sagte Lotte, ich glaube wenigstens, dass viel von uns abhängt, ich weiß es an mir, wenn mich etwas neckt, und mich verdrüsslich machen will, spring ich auf und sing ein paar Contretänze den Garten auf und ab, gleich ist´s weg. – Das war’s was ich sagen wollte, versetzte ich, es ist mit der üblen Laune völlig wie mit der Trägheit, denn es ist eine Art von Trägheit, unsere Natur hängt sehr dahin, und doch, wenn wir nur einmal die Kraft haben uns zu ermannen, geht uns die Arbeit frisch von der Hand, und wir finden in der Tätigkeit ein wahres Vergnügen. Friederike war sehr aufmerksam, und der junge Mensch wandte mir ein, dass man nicht Herr über sich selbst sein, und am wenigstens über seine Empfindungen gebieten können. Es ist hier die Frage von einer unangenehmen Empfindung, versetzt´ich, die doch jedermann gern los ist, und niemand weiß wie weit seine Kräfte gehn, bis er sie versucht hat. Gewiss, einer der krank ist, wird bei allen Ärzten herum fragen und die größten Resignationen, die bittersten Arznein, witd er nicht abweisen um seine gewünschte Gesundheit zu erhalten. Ich bemerkte, dass der ehrliche Alte sein Gehör anstrengte um unserm Diskurs Teil zu nehmen, ich erhub die Stimme, indem ich die Rede gegen ihn wandte. Man predigt gegen so viele Laster, sagt´ ich, ich habe noch nie gehört, dass man gegen die üble Laune vom Predigtstuhl gearbeitet hätte * – Das müssten die Stadtpfarrer tun, sagt´ er, die Bauern haben keinen bösen Humor, doch könnt´s auch nicht schaden zuweilen, es wäre eine Lektion für seine Frau wenigstens, und den Herrn Amtmann. Die Gesellschaft lachte und er herzlich mit, bis er in einen Husten verfiel, der unsern Diskurs eine Zeitlang unterbrach, darauf denn der junge Mensch wieder das Wort nahm: Sie nannten den bösen Humor ein Laster, mich däucht, das ist übertrieben. – Mit nichten gab ich zur Antwort, wenn das, womit man sich selbst und seinen Nächsten schadet, den Namen verdient. Ist es nicht genug, dass wir einander nicht glücklich machen können, müssen wir auch noch einander das Vergnügen rauben, das jedes Herz sich noch manchmal selbst gewähren kann. Und nennen sie mir den Menschen, der übler Laune ist und so brav dabei sie zu verbergen, sie allein zu tragen, ohne die Freuden um sich her zu zerstören; oder ist sie nicht vielmehr ein innerer Unmut über unsre eigne Unwürdigkeit, ein Missfallen an uns selbst, das immer mit einem Neide verknüpft ist, der durch eine törige Eitelkeit aufgehetzt wird: wir sehen glückliche Menschen die wir nicht glücklich machen, und das ist unerträglich! Lotte lächelte mich an, das sie die Bewegung sah mit der ich redte, und eine Träne in Friederikens Auge spornte mich, fortzufahren. Weh denen sagt´ ich, die sich der Gewalt bedienen, die sie über ein Herz haben, um ihm die einfachen Freuden zu rauben, die aus ihm selbst hervorkeimen. Alle Geschenke, alle Gefälligkeiten der Welt ersetzen nicht einen Augenblick Vergnügen an sich selbst, den uns eine neidische Unbehaglichkeit unseres Tyrannen vergällt hat. 

Mein ganzes Herz war voll in diesem Augenblicke, die Erinnerung so manches Vergangenen drängte sich an meine Seele, und die Tränen kamen mir in die Augen. Wer sich das nur täglich sagte, rief ich aus: du vermagst nichts auf deine Freunde, als ihnen ihre Freude zu lassen und ihr Glück zu vermehren, indem du es mit ihnen genießt. Vermagst du, wenn ihre innere Seele von einer ängstigenden Leidenschaft gequält, vom Kummer zerrüttet ist, ihnen einen Tropfen Linderung zu geben? 

Und wenn die letzte bangste Krankheit dann über das Geschöpf herfällt, das du in blühenden Tagen untergraben hast, und sie nun da liegt in dem erbärmlichen Ermatten, und das Aug gefühllos gen Himmel sieht, und der Todesschweiß auf ihrer Stirne abwechselt, und du vor dem Bette stehst wie ein Verdammter, in dem innigsten Gefühl, dass du nichts vermagst mit all deinem Vermögen, und die Angst dich inwendig krampft, dass du alles hingeben möchtest, um dem untergehenden Geschöpf einen Tropfen Stärkung, einen Funken Mut einflösen zu können. 

Die Erinnerung einer solchen Szene, da ich gegenwärtig war, fiel mit ganzer Gewalt bei diesen Worten über mich. Ich nahm das Schnupftuch vor die Augen, und verließ die Gesellschaft, und nur Lottens Stimme, die mir rief: wir wollten fort, brachte mich zu mir selbst. Und wie sie mich auf dem Wege schalt, über den zu warmen Anteil an allem! und dass ich darüber zu Grunde gehen würde! Dass ich mich schonen sollte! O der Engel! Um deinetwillen muss ich leben!

am 6. Juli.

Sie ist immer um ihre sterbende Freundin, und ist immer dieselbe, immer das gegenwärtige holde Geschöpf, das, wo sie hinsieht, Schmerzen lindert und Glückliche macht. Sie gieng gestern Abend mit Mariannen und dem kleinen Malgen spazieren, ich wusst´ es uns traf sie an, und wir giengen zusammen. Nach einem Wege von anderthalb Stunden kamen wir gegen die Stadt zurück, an den Brunnen, der mir so wert ist, und nun tausendmal werter ward, als Lotte sich aufs Mäuergen setzte. Ich sah umher, ach! Und die Zeit, da mein Herz so allein war, lebte wieder vor mir auf. Lieber Brunn, sagt ich, seither habe ich nicht mehr an deiner Kühle geruht, habe in eilendem Vorübergehen dich manchmal nicht angesehen. Ich blickte hinab und sah, dass Malgen  mit einem Glase Wasser sehr beschäftigt heraufstieg. Ich sahe Lotten an und fühlte alles, was ich an ihr habe. Indem so kommt Malgen mit einem Glase, Marianne wollte es ihr abnehmen, nein! rufe das Kind mit dem süßten Ausdrucke: nein, Lottgen, du sollst zuerst trinken! Ich ward über die Wahrheit, die Güte, womit sie das ausrief, so entzückt, dass ich meine Empfindung mit nichts ausdrucken konnte, als ich nahm das Kind von der Erde und küsste es lebhaft, das sogleich zu schreien und zu weinen anfieng. Sie haben übel getan, sagte Lotte! Ich war betroffen. Komm Malgen, fuhr sie fort, indem sie es an der Hand nahm und die Stufen hinabführte; da wasche dich aus der frischen Quelle geschwind, geschwind, da tut´s nichts. Wie ich so da stund und zusah, mit welcher Emsigkeit das Kleine mit seinen nassen Händgen die Backen rieb, mit welchem Glauben, dass durch die Wunderquelle alle Verunreinigung abgespült, und die Schmach abgetan würde, einen hässlichen Bart zu kriegen. Wie Lotte sagte, es ist  genug und das Kind doch immer eifrig fort wusch, als wenn Viel mehr täte als Wenig. Ich sage dir, Wilhelm, ich habe mit mehr Respekt nie einer Taufhandlung beigewohnt, und als Lotte herauf kam, hätte ich mich gern vor ihr niedergeworfen wie vor einem Propheten, der die Schulden einer Nation weggeweiht hat. 

Des Abends konnte ich nicht umhin, in der Freude meines Herzens den Vorfall einem Manne zu erzählen, dem ich Menschensinn zutraute, weil der Verstand hat. Aber wie kam ich an. Er sagte, das wäre sehr übel von Lotten gewesen, man solle die Kinder nichts weis machen, dergleichen gäbe zu unzähligen Irrtümern und Aberglauben Anlass, man müsste die Kinder frühzeitig davor bewahren. Nun fiel mir ein, dass der Mann vor acht Tagen hatte taufen lassen, drum ließ ich´s vorbei gehn, und blieb in meinem Herzen der Wahrheit getreu: wir sollen es mit den Kindern machen, wie Gott mit uns, der uns am glücklichsten macht, wenn er uns im freundlichen Wahne so hintaumeln lässt.

am 8. Juli.

Was mein Kind ist! Was man nach so einem Blicke geizt! Was man ein Kind ist! Wir waren nach Walheim gegangen, die Frauenzimmer fuhren hinaus, und während unserer Spaziergänge glaubt ich in Lottens schwarzen Augen – Ich bin ein Tor, verzeih mir´s, du solltest sie sehen, diese Augen. Dass ich kurz bin, denn die Augen fallen mir zu vom Schlaf. Siehe die Frauenzimmer steigen ein, da stunden um die Kutsche der junge Wt… Selstadt und Audran, und ich. Da ward aus dem Schlage geplaudert mit den Kerlgens, die freilich leicht und lüftig genug waren. Ich suche Lottens Augen! Ach sie giengen von einem zum anderen! Aber auf mich! Mich! Mich! der ganz allein auf sie resigniert dastund, fielen sie nicht! Mein Herz sagte ihr tausend Adieu! Und sie sah mich nicht! Die Kutsche fuhr vorbei und eine Träne stund mir im Auge. Ich sah ihr nach! Und sah Lottens Kopfputz sich zum Schlag heraus lehnen, und sie wandte sich um zu sehn. Ach! Nach mir? – Lieber! In dieser Ungewissheit schweb ich! Das ist mein Toast vielleicht hat sie sich nach mir umgesehen. Vielleicht gute Nacht! Das ist mein Trost. Vielleicht hat sie sich nach mir umgesehen. Vielleicht – Gute Nacht! O was ich ein Kind bin!

am 10. Juli. 

Die alberne Figur, die ich mache, wenn in Gesellschaft von ihr gesprochen wird, solltest  du sehen. Wenn man mich nur gar fragt, wie sie mir gefällt – Gefällt! das Wort hass ich in Tod. Was muss das für ein Kerl sein, dem Lotze gefällt, dem sie nicht alle Sinne, alle Empfindungen ausfüllt. Gefällt! Neulich fragte mich einer, wie mir Ossian gefiele.

am 11. Juli. 

Frau M.. ist sehr schlecht, ich bete für ihr Leben, weil ich mit Lotten dulde. Ich seh sie selten bei meiner Freundin, und heut hat sie mir einen wunderbaren Vorfall erzählt. Der alte M… ist ein geiziger rangiger Hund, der seine Frau im Leben was rechts geplagt und eingeschränkt hat. Doch hat sich die Frau immer durchzuhelfen gewusst. Vor wenig Tagen, als der Doktor ihr das Leben abgesprochen hatte, ließ sie ihren Mann kommen, Lotte war im Zimmer, und redte ihn also an: Ich muss dir eine Sache gestehn, die nach meinem Tode Verwirrung und Verdruss machen könnte. Ich habe bisher die Haushaltung geführt, so ordentlich und sparsam als möglich, allein du wirst mir verzeihen, dass ich dich diese dreißig Jahre her hintergangen habe. Du bestimmtest im Anfange unsere Heirat ein geringes für die Bestreitung der Küche und anderer häuslichen Ausgaben. Als unsere Haushaltung stärker wurde, unser Gewerb größer, warst du nicht zu bewegen, mein Wochengeld nach dem Verhältnisse zu vermehren, kurz du weißt, dass du in den Zeiten, da sie am größten war, verlangtest, ich solle mit sieben Gulden die Woche auskommen. Die hab ich denn ohne Widerrede genommen und mir den Überschuss wöchentlich aus der Losung geholt, da niemand vermutete, dass die Frau die Kasse bestellen würde. Ich habe nichts verschwendet, und wäre auch, ohne es zu bekennen, getrost der Ewigkeit entgegen gegangen, wenn nicht diejenige, die nach mir das Wesen zu führen hat, sich nicht zu helfen wissen würde, und du doch immer darauf bestehen könntest, deine erste Frau sei damit ausgekommen. 

Ich redete mit Lotten über die unglaubliche Verblendung des Menschensinns, dass einer nicht argwohnen soll, dahinter müsse was anderes stecken, wenn eins mit sieben Gulden hinreicht, wo man den Aufwand vielleicht um zweimal so viel sieht. Aber ich hab selbst Leute gekannt, die des Propheten ewiges Ölkrüglein ohne Verwunderung in ihrem Haus statuiert hätten.

am 13. Juli.

Nein, ich betrüge mich nicht! Ich lese in ihren schwarzen Augen wahre Teilnehmung an mir, und meinem Schicksale. Ja ich fühle, und darin darf ich meinem Herzen trauen, dass sie – O darf ich, kann ich den Himmel in diesen Worten aussprechen? – dass sie mich liebt. 

Und ob das Vermessenheit ist oder Gefühl des wahren Verhältnisses: Ich kenne den Menschen nicht, von dem ich etwas in Lottens Herzen fürchtete. Und doch – wenn sie von ihrem Bräutigam spricht mit all der Wärme, all der Liebe, da ist mir’s wie einem, der all seine Ehren und Würden entsetzt, und der Degen angenommen wird.

am 16. Juli.

Ach wie mir das durch alle Adern läuft, wenn mein Finger unversehns den ihrigen berührt, wenn unsere Füße sich unter dem Tische begegnen. Ich ziehe zurück wie vom Feuer, und eine geheime Kraft zieht mich wieder vorwärts, mir wird´s so schwindlich vor allen Sinnen. O und ihre Unschuld, ihre unbefangene Seele fühlt nicht, wie sehr mich diese kleinen Vertraulichkeiten peinigen. Wenn sie gar im Gespräch ihre Hand auf die meinige legt, und im Interesse der Unterredung näher zu mir rückt, dass der himmlische Atem ihres Mundes meine Lippen reichen kann. – Ich glaube zu versinken wie vom Wetter gerührt. Und Wilhelm, wenn ich mich jemals unterstehe, diesen Himmel, dieses Vertrauen – Du verstehst mich. Nein, mein Herz ist so verderbt nicht! Schwach! schwach genug! Und ist das nicht Verderben? 

Sie ist mir heilig. Alle Begier schweigt in ihrer Gegenwart. Ich weiß nimmer wie mir ist, wenn ich bei ihr bin, es ist alles wenn die Seele sich mitr in allen Nerven umkehrte. Sie hat eine Melodie, die sie auf dem Klavier spielt mit der Kraft eines Engels, so simpel und so geistvoll, es ist ihr Leiblied, und mich stellt es von aller Pein, Verwirrung und Grillen her, wenn sie nur die erste Note davon greift. 

Kein Wort von der Zauberkraft der alte Musik ist mir unwahrscheinlich, wie mich der einfacher Gesang angreift. Und wie sie ihn anzubringen weiß, oft zur Zeit, wo ich mir eine Kugel vorn Kopfe schießen möchte. Und all die Irrung und Finsternis meiner Seele zerstreut sich, und ich atme wieder freier.

am 18. Juli.

Wilhelm, was ist unserem Herzen die Welt ohne Liebe! Was eine Zauberlaterne ist, ohne Licht! Kaum bringst du das Lämpgen hinein, so scheinen Dir die buntesten Bilder an deine weiße Wand! Und wenn’s nichts wäre als das, als vorübergehende Phantomen, so macht´s doch immer unser Glück, wenn wir wie frische Bubens davor stehen und uns über die Wundererscheinungen entzücken. Heut konnt ich nicht zu Lotten, eine unvermeidliche Gesellschaft hielt mich ab. Was war zu tun. Ich schickte meinen Buben hinaus, nur um einen Menschen um mich zu haben, der ihr heute nahe gekommen wäre. Mit welcher Ungeduld ich den Buben erwartete, mit welcher Freude ich ihn wieder sah. Ich hätt´ ihn gern beim Kopf genommen und geküsst, wenn ich mich nicht geschämt hätte. 

Mann erzählt von dem Bononischen Stein, dass er, wenn man ihn in die Sonne legt, ihre Straheln anzieht und eine Weile bei Nacht leuchtet. So war mir’s mit dem Jungen. Das Gefühl, dass ihre Augen auf seinem Gesicht, seinen Backen, seinen Rockknöpfen und dem Kragen am Sürout geruht hatten, machte mir das all so heilig, so wert, ich hätte in dem Augenblicke den Jungen nicht vor tausend Taler gegeben. Es war mir so wohl in seiner Gegenwart –  Bewahre dich Gott, dass du darüber nicht lachst. Wilhelm, sind das Phantomen, wenn es uns wohl wird?

am 19. Juli.

Ich werde sie sehen: ruf ich Morgens aus, wenn ich mich ermuntere, und mit aller Heiterkeit der schönen Sonne entgegen blicke. Ich werde sie sehen! Und da hab ich für den ganzen Tag keinen Wunsch weiter. Alles, alles verschlingt sich in diese Aussicht.

am 20. Juli.

Eure Idee will noch nicht die meinige werden, dass ich den Gesandten nach *** gehen soll. Ich liebe die Subordination nicht sehr, und wir wissen alle, dass der Mann noch dazu ein widriger Mensch ist. Meine Mutter möchte mir gern in Aktivität haben, sagst du, das hat mich zu lachen gemacht, bin ich jetzt nicht auch aktiv? und ist´s im Grund nicht einerlei: ob ich Erbsen zähle oder Linsen? Alles in der Welt läuft doch auf eine Lumperei hinaus, und ein Kerl, der um anderen willen, ohne dass es seine eigene Leidenschaft ist, sich um Geld, oder Ehre, oder sonst was, abarbeitet, ist immer ein Tor.

am 24. Juli.

Da Dir so viel daran gelegen ist, dass ich mein Zeichnen nicht vernachlässige, möcht ich lieber die ganze Sache übergehn, als Dir sagen: daas zeither wenig getan wird. 

Noch nie war ich glücklicher, noch nie meine Empfindung an der Natur, bis aufs Steingen, aufs Gräsgen herunter, voller und inniger, und doch – ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll, meine vorstellende Kraft ist so schwach, alles schwimmt, schwankt vor meiner Seele, dass ich keinen Umriss packen kann; aber ich bilde mir ein, wenn ich Ton hätte oder Wachs, so wollt ich´s wohl herausbilden, ich werde auch Ton nehmen wenn´s länger währt, und kneten, und sollten´s Kuchen werden. 

Lottes Porträt habe ich dreimal angefangen, und habe mich dreimal prostituiert, das mich um so mehr verdrießt, weil ich vor einiger Zeit sehr glücklich im Treffen war, darauf hab ich denn ihren Schattenriss gemacht, und damit soll mir genügen.

am 26. Juli.

Ich habe mir schon so manchmal vorgenommen, sie nicht so oft zu sehen. Ja wer das halten könnte! Alle Tage unterlieg ich der Versuchung, und verspreche mir heilig: Morgen willst du einmal wegbleiben, und wenn der Morgen kommt, find ich doch wieder eine unwiderstehliche Ursache, und eh ich mich´s versehe, bin ich bei ihr. Entweder sie hat das Abends gesagt; Sie kommen doch Morgen? – Wer könnte da wegbleiben? Oder der Tag ist gar zu schön, ich gehe nach Wahlheim, und wenn ich so da bin – ist´s nur noch eine halbe Stunde zu ihr! Ich bin zu nah in der Atmosphäre, Zuck! so bin ich dort. Meine Großmutter hatte ein Märgen vom Magnetenberg. Die Schiffe die zu nahe kamen, wurden auf einmal alles Eisenwerks beraubt, die Nägel flogen den Berge zu, und die armen Elenden scheiterten zwischen den übereinander stürzenden Brettern.

am 30. Juli.

Albert ist angekommen, und ich werde gehen, und wenn er der beste, der edelste Mensch wäre, unter den ich mich in allem Betracht zu stellen bereit wäre, so wär’s unerträglich, ihn vor meinem Angesichte im Besitze so vieler Vollkommenheiten zu sehen. Besitz! – Genug, Wilhelm der Bräutigam ist da. Ein braver lieber Kerl, dem man gut sein muss. Glücklicher weise war ich nicht beim Empfange! Das hätte mir das Herz zerrissen. Auch ist er so ehrlich und hat Lotten in meiner Gegenwart noch nicht einmal geküsst. Das lohn ihm Gott! Und des Respekts will, den er vor dem Mädgen hat, muss ich ihn lieben. Er will mir wohl, und ich vermute, das ist Lottens Werk, mehr als seiner eigenen Empfindung, denn darin sind die Weiber fein, und haben recht. Wenn sie zwei Kerls in gutem Vernehmen mit einander halten können, ist der Vorteil immer ihre, so selten es auch angeht.

Indes kann ich Alberten meine Achtung nicht versagen, seine gelassne Außenseite, sticht gegen die Unruhe meines Charakters sehr lebhaft ab, die sich nicht verbergen lässt, er hat viel Gefühl und weiß, was er an Lotten hat. Er scheint wenig üble Laune zu haben, und du weißt, das ist die Sünde, die ich ärger hasse am Menschen als alle andre. 

Er hält mich für einen Menschen von Sinn, und meine Anhänglichkeit an Lotten, meine warme Freude, die ich an all ihren Handlungen habe vermehrt seinen Triumph, und er liebt sie nur desto mehr. Ob er sie nicht manchmal heimlich mit kleiner Eifersüchtelei peinigt, das lass ich dahin gestellt sein, wenigstens an seinem Platze würde ich nicht ganz sicher vor dem Teufel bleiben. 

Dem sei nun wie ihm wolle, meine Freude bei Lotten zu sein, ist hin! Soll ich das Torheit nennen oder Verblendung? – Was braucht´s Namen! Erzählt die Sache an sich!  – Ich wusste alles, was ich jetzt weiß, eh Albert kam, ich wusste, dass ich keine Prätensionen auf sie zu machen hatte, machte auch keine – Heißt dsa, insofern es möglich ist, bei so viel Liebenswürdigkeiten nicht zu begehren – Und jetzt macht der Fratze große Augen, da der andere nun wirklich kommt, und ihm das Mädgen wegnimmt. 

Ich beiße die Zähne aufeinander und spotte über mein Elend, und spottete derer doppelt und dreifach, die sagen könnten, ich sollte mich resignieren, und weil´s nun einmal nicht anders sein könnte. – Schafft mir die Kerls vom Hals! – Ich laufe in den Wäldern herum, und wenn ich zu Lotten komme, und Albert so bei ihr sitzt im Gärtgen unter der Laube, und ich nicht weiter kann, so bin ich ausgelassen närrisch, und fange viel Possen, viel verwirrtes Zeug an. Um Gottes willen, sagte mir Lotte heute, ich bitte Sie! keine Szene wie die von gestern Abend! Sie sind fürchterlich, wenn sie so lustig sind. Unter uns, ich passe die Zeit ab, wenn er zu tun hat, wutsch! Ich bin draus, und da ist mir´s immer wohl, wenn ich sie allein finde.

am 8. August.

Ich bitte dich, lieber Wilhelm! Es war gewiss nicht auf dich geredt, wenn ich schrieb: schafft mir die Kerls vom Hals, die sagen, ich sollte mich resignieren. Ich dachte wahrlich daran nicht daran, dass du von ähnlicher Meinung sein könntest. Und im Grunde hast du recht! Nur eins, mein Bester, in der Welt ist´s sehr selten mit dem Entweder Oder getan, es giebt zu viel Schattierungen der Empfindungen und Handlungsweisen, als Abfälle zwischen einer Habichts und Stumpfnase. 

Du wirst mir also nicht übelnehmen, wenn ich dir dein ganzes Argument einräume, und mich doch zwischen dem Entweder Oder durchzustehen suche. 

Entweder sagst du, hast du Hoffnung auf Lotten, oder du hast keine. Gut! Im ersten Falle such sie durchzutreiben, suche die Erfüllung deiner Wünsche zu umfassen, im andern Falle ermanne dich und suche einer elenden Empfindung los zu werden, die all deine Kräfte verzehren muss. Bester, das ist wohl gesagt, und – bald gesagt. 

Und kannst du von dem Unglücklichen, dessen Leben unter einer schleichenden Krankheit unaufhaltsam allmählich abstirbt, kannst du von ihm verlangen, er solle durch einen Dolchstoß der Qual auf einmal ein Ende machen? Und raubt das Übel, das ihm die Kräfte wegzehrt, ihm nicht auch zugleich den Mut, sich davon zu befreien? 

Zwar könntest du mir mit einem verwandten Gleichnisse antworten: Wer ließe sich nicht lieber den Arm abnehmen, als dass er durch Zaudern und Zagen sein Leben aufs Spiel setzte – Ich weiß nicht – und wir wollen uns nicht in Gleichnissen herumbeißen. Genug – Ja, Wilhelm ich habe manchmal so einen Augenblick aufspringenden, abschüttelnden Muts, und da, wenn ich nur wüsste wohin, ich gienge wohl.

am 10. August.

Ich könnte das beste glücklichste Leben führen, wenn ich nicht ein Tor wäre. So schöne Umstände vereinigen sich nicht leicht zusammen, eines Menschen Herz zu ergötzen, als die sich, in denen ich mich jetzt befinde. Ach so gewiss ist´s, dass unser Herz allein sein Glück macht! Ein Glied der liebenswürdigen Familie auszumachen, von dem Alten geliebt zu werden wie ein Sohn, von den Kleinen wie ein Vater und von Lotten –  und nun der ehrliche Albert, der durch keine launische Unart man Glück stört, der mich mit herzlicher Freundschaft umfasst, dem ich nach Lotten das liebste auf der Welt bin – Wilhelm, es ist eine Freude und zu hören, wenn wir spazieren gehn und uns einander von Lotten unterhalten, es ist in der Welt nichts lächerlichers erfunden worden als dieses Verhältnis, und doch kommen wir drüber die Tränen oft in die Augen. 

Wenn er mir so von ihrer rechtschaffenen Mutter erzählt, wie die auf ihrem Todbette Lotten ihr Haus und ihre Kinder übergeben, und ihm Lotten anbefohlen habe, wie seit der Zeit ein ganz anderer Geist Lotten belebt, wie sie in Sorge für ihre Wirtschaft und dem Ernste eine wahre Mutter geworden, wie kein Augenblick ihre Zeit ohne tätige Liebe, ohne Arbeit verstrichen, und wie dennoch all ihre Munterkeit, all ihr Leichtsinn sie nicht verlassen haben. Ich gehe so neben ihm hin, und pflücke Blumen am Wege, füge sie sehr sorgfältig in einen Strauß und – werfe sie in den vorüberfließenden Strom, und sehe ihnen nach wie sie leise hinunterwallen. Ich weiß nicht, ob ich dir geschrieben habe, dass Albert hier bleiben, und ein Amt mit einem artigen Auskommen vom Hofe erhalten wird, wo er sehr beliebt ist. In Ordnung und Emsigkeit in Geschäften hab ich wenig seines gleichen gesehen.

am 12. August. 

Gewiss Albert ist der beste Mensch unter dem Himmel, ich habe gestern eine wunderbare Szene mit ihm gehabt. Ich kam zu ihm, um Abschied zu nehmen, denn mich wandelte die Lust an, ins Gebürg zu reiten, von daher ich dir auch jetzt schreibe, und wie ich in der Stube auf und ab gehe, fallen mir seine Pistolen in die Augen. Borg mir die Pistolen, sagt ich, zu meiner Reise. Meinetwegen, sagt er, wenn du dir die Mühe geben willst sie zu laden, bei mir hängen sie nur pro forma. Ich nahm eine herunter, und er fuhr fort: Seigt mir meine Vorsicht einen so unartigen Streich gespielt hat, mag ich mit dem Zeuge nichts mehr zu tun haben. Ich war neugierig, die Geschichte zu wissen. Ich hielte mich, erzählte er, wohl ein Vierteljahr auf dem Lande bei einem Freund auf, hatte ein paar Terzerolen ohngeladen und schlief ruhig. Einmal an einem regniegten Nachmittage, da ich so müßig sitze, weiß ich nicht wie mir einfällt: wir könnten überfallen werden, wir könnten die Terzerols nötig haben, und könnten – du weißt ja, wie das ist. Ich gab sie dem Bedienten, sie zu putzen, und zu laden, und der dahlt, mit dem Mädgen, will sie erschröcken, und Gott weiß wie, das Gewehr geht los, da der Ladstock noch drin steckt und schießt den Ladstock einem Mädgen zur Maus herein, der rechten Hand, und zerschlägt dir den Daumen. Da hatt´ ich das Lamentieren, und den Barbier zu bezahlen oben drein, und seit der Zeit lass ich all das Gewehr ungeladen. Lieber Schatz, was ist Vorsicht! die Gefahr lässt sich nicht auslernen! Zwar -Nun weißt du, dass ich den Menschen sehr lieb habe bis auf sein Zwar. Denn versteht sich´s nicht von selbst, dass jeder allgemeine Satz Ausnahmen leidet. Aber so rechtfertig ist der Mensch, wenn er glaubt, etwas übereiltes, allgemeines, halbwahres gesagt zu haben; so hört er dir nicht auf zu limitieren, modifizieren, und ab und zu zu tun, bis zuletzt gar nichts mehr an der Sache ist. Und bei diesem Anlasse kam er sehr tief in Text, und ich hörte endlich gar nicht weiter auf ihn, verfiel in Grillen, und mit einer auffahrenden Gebährde druckt ich mir die Mündung der Pistolen übers rechte Aug an die Stirn. Pfui sagte Albert, indem man mir die Pistole herabzog, was soll das! – Sie ist nicht geladen, sagt ich! – Und auch so! Was soll’s? versetzte er ungeduldig. Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein Mensch so törigt sein kann, sich zu erschießen; der bloße Gedanke erregt mir Widerwillen. 

Dass ihr Menschen, rief ich aus, um von einer Sache zu reden, gleich sprechen müsst: Das ist törig, das ist klug, das ist gut, das ist bös! Und was will das all heißen? Habt ihr deswegen die innern Verhältnisse einer Handlung erforscht? Wisst ihr mit Bestimmtheit die Ursachen zu entwickeln, warum sie geschah, warum sie geschehen musste? Hättet ihr das, ihr würdet nicht so eilfertig mit euren Urteilen sein. 

Du wirst mir zugeben, sagte Albert, dass gewisse Handlungen lasterhaft bleiben, sie mögen aus einem Beweggrunde geschehen, aus welchem sie wollen. 

Ich zuckte die Achseln und gab´s ihm zu. Doch, mein Lieber, fuhr vor fort, finden sich auch hier einige Ausnahmen. Es ist wahr, der Diebstahl ist ein Laster, aber der Mensch , der, um sich und die Seinigen vom schmäligen Hungertode zu erretten, auf Raub ausgeht, verdient der Mitleiden oder Strafe? Wer hebt den ersten Stein auf gegen den Ehemann, der im gerechten Zorne sein untreues Weib und ihren nichtswürdigen Verführer aufopfert? Gegen das Mädgen, das in einer wonnevollen Stunde, sich in den unaufhaltsamen Freuden der Liebe verliert? Unsere Gesetze selbst, diese kaltblütigen Pedanten, lassen sich rühren, und halten ihre Strafe zurück. 

Das ist ganz was anderes, versetzte Albert, weil ein Mensch, den seine Leidenschaften hinreißen, alle Besinnungskraft verliert, und als ein Trunkener, als ein Wahnsinniger angesehen wird. – Ach ihr vernünftigen Leute! rief ich lächelnd aus. Leidenschaft! Trunkenheit! Wahnsinn! Ihr steht so gelassen, so ohne Teilnehmung da, ihr sittlichen Menschen, scheltet den Trinker, verabscheut den Unsinnigen, geht vorbei wie der Priester, und dankt Gott wie der Pharisäer, dass er euch nicht gemacht hat, wie einen von diesen. Ich bin mehr als einmal trunken gewesen, und meine Leidenschaften waren nie weit vom Wahnsinne, und beides reut mich nicht, denn in habe in meinem Maße begreifen lernen: Wie man alle außerordentlichen Menschen, die etwas großes, etwas unmöglich scheinendes würkten, von jeher für Trunkene und Wahnsinnige ausschreien müsste. 

Aber auch im gemeinen Leben ist´s unerträglich, einem Kerl bei halbweg einer freien, edlen, unerwarteten Tat nachrufen zu hören: Der Mensch ist trunken, der ist närrisch. Schämt euch, ihr Nüchternen. Schämt euch ihr Weisen. Das sind nur wieder von deinen Grillen, sagte Albert. Du überspannts alles, und hast wenigstens hier gewiss unrecht, dass du den Selbstmord, wovon wir jetzto reden, mit großen Handlungen vergleichst, da man es doch für nichts anderes als eine Schwäche halten kann, denn freilich ist es leichter zu sterben, als ein qualvolles Leben standhaft zu ertragen. 

Ich war im Begriffe abzubrechen, denn kein Argument in der Welt bringt mich so aus der Fassung, als wenn einer mit einem unbedeutenden Geheimspruche angezogen kommt, da ich aus ganzem Herzen rede. Doch fasst´ ich mich weil ich´s schon öfter gehört und mich öfter darüber geärgert hatte, und versetzte ihn mit einiger Lebhaftigkeit: Du nennst das Schwäche! ich bitte dich, lass dich vom Anscheinen nicht verführen. Ein Volk, das unter dem unerträglichen Joche eines Tyrannen seufzt, darfst du das schwach heißen, wenn es ähnlich aufgärt und seine Ketten zerreißt. Ein Mensch, der über dem Schrecken, dass Feuer sein Haus ergriffen hat, alle Kräfte zusammengespannt fühlt, und mit Leichtigkeit Lasten wegträgt, die er bei ruhigen Sinne kaum bewegen kann; einer, der in der Wut der Beleidigung es mit Sechsen aufnimmt, und sie überwältigt, sind die schwach zu nennen? Und mein Guter, wenn Anstrengung Stärke ist, warum soll die Überspannung das Gegenteil sein? Albert sah mich an und sagte: nimm mir´s nicht übel, die Beispiele die du da giebst, scheinen hierher gar nicht zu gehören. Es mag sein, sagt ich, man hat mir schon öfter vorgeworfen, dass meine Kombinationsart manchmal ans Radotage gränze! Lasst uns denn ich sehen, ob wir auf eine andere Weise uns vorstellen können, wie es dem Menschen zu Mute sein mag, der sich entschließt, die sonst so angenehmer Bürde des Lebens abzuwerfen, denn nur in sofern wir mit empfinden, haben wir Ehre von einer Sache zu reden. 

Die menschliche Natur, fuhr ich fort, hat ihre Gränzen, sie kann Freude, Leid, Schmerzen, bis auf einen gewissen Grad ertragen, und geht zu Grunde, sobald der überstiegen ist. 

Hier ist also nicht die Frage, ob einer schwach oder stark ist, sondern ob er das Maß seines Leidens aussauern kann; es mag nun moralisch oder physikalisch sein, und ich finde es eben so wunderbar zu sagen, der Mensch ist feig, der sich das Leben nimmt, als es ungehörig wäre, den einen Feigen zu nennen, der an einem bösartigen Fieber stirbt. 

Paradox! sehr paradox! rief Albert aus. – Nicht so sehr, als du denkst, versetzt´ ich. Du giebst mir zu wir nennen das eine Krankheit zum Tode, wodurch die Natur so angegriffen wird, dass teils ihre Kräfte verzehrt, teils so außer Würkung gesetzt werden, dass sie sich nicht wieder aufzuhelfen, durch keine glückliche Revolution, den gewöhnlichen Umlauf des Lebens wieder herzustellen fähig ist. 

Nun mein Lieber, lass uns das auf den Geist anwenden. Sieh den Menschen an in seinen Eingeschränktheit, wie Eindrücke auf ihn würken, Ideen sich bei ihm fest setzen, bis endlich eine wachsende Leidenschaft ihn aller ruhiger Sinneskraft beraubt, eben als ihn zu Grunde richtet. 

Vergebens, dass der gelassne vernünftige Mensch den Zustand des Unglücklichen übersieht, vergebens, dass er ihm zuredet, eben als wie ein Gesunder, der am Bette des Kranken steht, ihm von seinen Kräften nicht das geringste einflößen kann. 

Alberten war das zu allgemein gesprochen, ich erinnerte ihn an ein Mädgen, das man vor weniger Zeit im Wasser tot gefunden, und wiederholt ihm ihre Geschichte. Ein gutes junges Geschöpf, das in dem engen Kreise häuslicher Beschäftigungen, wöchentlicher bestimmter Arbeit so herangewachsen war, das weiter keine Aussicht von Vergnügen kannte, als etwa Sonntags in einem nach und nach zusammengeschafften Putze mit ihres gleichen um die Stadt spazieren zu gehen, vielleicht alle hohe Feste einmal zu tanzen, und übrigens mit aller Lebhaftigkeit des herzlichsten Anteils manche Stunde über den Anlass eines Gezänkes, einer üblen Nachrede, mit einer Nachbarin zu verplaudern; deren feurige Natur fühlt nun endlich innigere Bedürfnisse, die durch die Schmeicheleien der Männer vermehrt werden, all ihre vorige Freuden werden ihr nach und nach unschmackhaft, bis sie endlich einen Menschen antrifft, zu dem ein unbekanntes Gefühl sie unwiderstehlich hinreißt, auf den sie nun all ihre Hoffnungen wirft, die Welt rings um sich vergisst, nichts hört, nichts sieht, nichts fühlt als ihn, den Einzigen, sich nur sehnt nach ihm, dem Einzigen. Durch die leere Vergnügen einer unbeständigen Eitelkeit nicht verdorben, zieht ihr Verlangen grad nach dem Zwecke: Sie will die Seinige werden, sie will in ewiger Verbindung all das Glück antreffen, dass ihr mangelt, die Vereinigung aller Freuden genießen, nach denen sie sich sehnte. Wiederholtes Versprechen, das ihr die Gewissheit aller Hoffnungen versiegelt, kühne Liebkosungen, die ihre Begierden vermehren, umfangen ganz ihre Seele, sie schwebt in einem dumpfen Bewusstsein, in einem Vorgefühl aller Freuden, sie ist bis auf den höchsten Grad gespannt, wo sie endlich ihre Arme ausstreckt, all Ihre Wünsche zu umfassen – und ihr Geliebter verlässt Sie – Erstarrt; ohne Sinne steht sie vor einem Abgrunde, und alles ist Finsternis um sie her; keine Aussicht, kein Trost, keine Ahndung, denn der hat sie verlassen, in dem sie allein ihr Dasein fühlte. Sie sieht nicht die weite Welt, die vor ihr liegt, nicht die Vielen, die ihr den Verlust ersetzen könnten, sie fühlt sich allein, verlassen von aller Welt, – und blind, in die Enge gepresst von der ensetzlichen Not ihres Herzens stürzt sich hinunter, um in einem rings umfangenden Tode all ihre Qualen zu ersticken. Sieh, Albert, das ist die Geschichte so manches Menschen, und sag, ist das nicht der Fall der Krankheit? Die Natur findet keinen Ausweg aus dem Labyrinthe der verworrenen und widersprechenden Kräfte, und der Mensch muss sterben.

Wehe dem, der zusehen und sagen könnte: Die Törin! hätte sie gewartet, hätte sie die Zeit würken lassen, es würde sich die Verzweiflung schon gelegt, es würde sich ein anderer sie zu trösten schon vorgefunden haben. 

Das ist eben, als wenn einer sagt: der Tor! stirbt am Fieber! hätte er gewartet, bis sich seine Kräfte erholt, seine Säfte verbessert, der Tumult seines Blutes gelegt hätten, alles wäre gut gegangen, und er lebte bis auf den heutigen Tag! 

Albert, dem die Vergleichung noch nicht anschaulich war, wandte noch einiges ein, und unter anderem: ich habe nur von einem einfältigen Mädgen gesprochen, wie denn aber ein Mensch von Verstande, der nicht so eingeschränkt sei, der mehr Verhältnisse übersähe, zu entschuldigen sein möchte, könne er nicht begreifen. Mein Freund rief ich aus, der Mensch ist Mensch, und das Bissgen Verstand das einer haben mag, kommt wenig oder nicht in Anschlag, wenn Leidenschaft wütet, und die Gränzen der Menschheit einen drängen. Vielmehr – ein andermal, davon sagt ich, und griff nach meinem Hute. O mir war das Herz zu voll – Und wir giengen auseinander, ohne einander verstanden zu haben. Wie denn auf dieser Welt keiner leicht den anderen versteht.

am 15. August.

Es ist doch gewiss, dass in der Welt den Menschen nichts notwendig macht als die Liebe. Ich fühl’s an Lotten, dass sie mich ungern verlöre, und die Kinder haben keine andre Idee, als dass ich immer morgen wiederkommen würde. Heut war ich hinausgegangen, Lottens Klavier zu stimmen, ich konnte aber nicht dazu kommen, denn die Kleinen verfolgten mich um ein Märgen, und Lotte sagte dann selbst, ich sollte ihnen den Willen tun. Ich schnitt ihnen das Abendbrot, dass sie nun fast so gerne von mir als von Lotten annehmen und erzählte ihnen das Hauptstückgen von der Prinzessin, die von Händen bedient wird. Ich lerne viel dabei, das versichr´ ich dich, und ich bin erstaunt, was es auf sie für ein Eindrücke macht. Weil ich manchmal einen Inzidenzpunkt erfinden muss, den ich beim zweitenmal vergesse, sagen sie gleich, das vorigemal wär´s anders gewest, so dass ich mich jetzt übe, sie unveränderlich in einen singenden Sylbenfall an einem Schnürgen zu rezitieren. Ich habe daraus gelernt wie ein Autor, durch eine zweite veränderte Auflage seiner Geschichte, und wenn sie noch so poetisch besser geworden wäre, notwendig seinem Buche schaden muss. Der erste Eindruck findet uns willig, und der Mensch ist so gemacht, dass man ihm das abenteuerlichste überreden kann, das haftet aber auch gleich so fest, und wehe dem, der ist wieder auskratzen und austilgen will.

am 18. August.

Musste denn das so sein? dass das, was des Menschen Glückseligkeit macht, wieder die Quelle seines Elends würde. Das volle warme Gefühl meines Herzens an der lebendigen Natur, das mich mit so viel Wonne überströmte, dass rings umher die Welt mir zu einem Paradiese schuf, wird mir jetzt zu einem unerträglichen Peiniger, zu einem quälenden Geiste, der mich auf allen Wegen verfolgt. Wenn ich sonst vom Fels über den Fluss bist du jenen Hügeln das fruchtbare Tal überschaute, und alles um mich her keimen und quellen sah, wenn ich jene Berge, vom Fuße bis auf zum Gipfel, mit hohen, dichten Bäumen bekleidet, all jene Täler in ihren mannichfaltigen Krümmungen von den lieblichsten Wäldern beschattet sah, und der sanfte Fluss zwischen den lispelnden Rohren dahin gleitete, und die lieben Wolken abspiegelte, die der sanfte Abendwind am Himmel herüber wiegte, wenn ich denn die Vögel um mich, den Wald überleben hörte, und die Millionen Mückenschwärme im letzten roten Strahle der Sonne mutig tanzten, und ihr letzter zuckender Blick den summenden Käfer aus seinem Grase befreite und das Gewebere um mich her, mich auf dem Boden aufmerksam machte und das Moos, das meinem harten Felsen seine Nahrung abzwingt, und das Geniste, das den dürren Sandhügel hinunter wächst, mir alles das innere glühende, heilige Leben der Natur eröffnete, wie umfasst ich das all mit warmen Herzen, verlor mich in der unendlichen Fülle, und die herrlichen Gestalten der unendlichen Welt bewegten sich alllebens in meiner Seele. Ungeheure Berge undgaben mich, Abgründe lagen vor mir, und Wetterbäche stürzten herunter, die Flüsse strömten unter mir, und Wald und Gebürg erklang. Und ich sah sie würken und schaffen in einander in den Tiefen der Erde, all die Kräfte unergründlich. Und nun über der Erde und unter dem Himmel wimmeln die Geschlechter der Geschöpfe all, und alles, alles bevölkert mit tausendfachen Gestalten, und die Menschen dann sich in Häuslein zusammen sichern, und sich annisten, und herrschen in ihrem Sinne über die weite Welt! Armer Tor, der du alles so gerieng achtest, weil du so klein bist. Vom unzugänglichen Gebürge über die Einöde, die kein Fuß betrat, bis ans Ende des unbekannten Ozeans, weht der Geist des Ewigschaffenden und freut sich jedes Staubs, der ihm vernimmt und lebt. Ach damals, wie oft hab ich mich mit Fittigen eines Kranichs, der über mich hinflog, zu dem Ufer des ungemessenen Meeres gesehnt, aus dem schäumenden Becher des Unendlichen, jene schwellende Lebenswonne zu trinken, und nur einen Augenblick in der eingeschränkten Kraft meines Busens einen Tropfen der Seligkeit des Wesens zu fühlen, das alles in sich und durch sich hervorbringt. 

Bruder, nur die Erinnerung jener Stunde macht mir wohl, selbst diese Anstrengung, jene unsäglichen Gefühle zurück zu rufen, wieder auszusprechen, hebt meine Seele über sich selbst, und lässt mir dann das Bange des Zustands doppelt empfinden, der mich jetzt umgiebt. 

Es hat sich vor meiner Seele die ein Vorhang weggezogen, und der Schauplatz des unendlichen Lebens verwandelt sich von mir in den Abgrund des ewig offenen Grabs. Kannst du sagen: Das ist! da alles vorüber geht, da alles mit der Wetterschnelle vorüber rollt, so selten die ganze Kraft seines Daseins ausdauert, ach in den Strom fortgerissen, untergetaucht und am Felsen zerschmettert wird. Da ist kein Augenblick, der nicht dich verzehrte und die Deinigen um dich her, kein Augenblick, da du nicht ein Zerstörer bist, sein musst. Der harmloseste Spaziergang kostet tausend tausend armen Würmgen das Leben, es zerrüttet ein Fußtritt die mühseligen Gebäude der Ameisen, und stampft eine kleine Welt in ein schmähliches Grab. Ha! nicht die große seltene Not der Welt, diese Fluten, die eure Dörfer wegspülen, diese Erdbeben, die eure Städte verschlingen, rühren mich. Mir untergräbt das Herz die verzehrende Kraft, die im All der Natur verborgen liegt, die nichts gebildet hat, das nicht sein Nachbar, nicht sich selbst zerstörte. Und so taumele ich beängstet! Himmel und Erde und all die webenden Kräfte um mich her! Ich sehe nichts, als ein ewig verschlingendes, ewig wiederkäuendes Ungeheuer.

am 21. August.

Umsonst streckte ich meine Arme nach ihr aus, Morgens wenn ich von schweren Träumen aufdämmere, vergebens such ich sie Nachts in meinem Bette, wenn mich ein glücklicher unschuldiger Traum getäuscht hat, als säß ich neben ihr auf der Wiese, und hielte ihre Hand und deckte sie mit tausend Küssen. Ach wenn ich denn noch halb im Taumel des Schlafs nach iht tappe, und drüber mich ermunterte – Ein Strom von Tränen bricht das meinem gepressten Herzen, und ich weine trostlos einer finstern Zukunft entgegen.

am 22. August.

Es ist ein Unglück, Wilhelm! all meine tätigen Kräfte sind zu einer unruhigen Lässigkeit verstimmt, ich kann nicht müßig sein und wieder kann ich nichts tun. Ich hab keine Vorstellungskraft, kein Gefühl an der Natur und die Bücher speien mich alle an. Wenn wir uns selbst fehlen, fehlt uns doch alles. Ich schwöre Dir, manchmal wünschte ich ein Tagelöhner zu sein, um nur das Morgens beim Erwachen eine Aussicht auf den künftigen Tag, einen Drang, eine Hoffnung zu haben. Oft beneid ich Alberten, den ich über die Ohren in Akten begraben sehe, und bilde mir ein: mir wär´s wohl wenn ich an seiner Stelle wäre! Schon etlichemal ist mir´s so aufgefahren, ich wollte Dir schreiben und dem Minister, und um die Stelle bei der Gesandtschaft anhalten, die, wie Du versicherst, mir nicht versagt werden würde. Ich glaube es selbst, der Minister liebt mich seit lange, hatte lange mir angelegen, ich sollte mich employieren, und eine Stunde ist mir´s auch wohl drum zu tun; hernach, wenn ich so wieder dran denke, und mir die Fabel vom Pferde einfällt, das seiner Freiheit ungedultig, sich Sattel und Zeug auflegen lässt, und zu Schanden geritten wird. Ich weiß nicht, was ich soll – Und mein Lieber! Ist nicht vielleicht das Sehnen in mir nach Veränderung des Zustands, eine innere unbehagliche Ungeduld, die mich überall hin verfolgen wird?

am 28. August.

Es ist wahr, wenn meine Krankheit zu heilen wäre, so würden diese Menschen es tun. Heute ist mein Geburtstag, und in aller Frühe empfang ich ein Päckgen von Alberten. Mir fällt beim Eröffnen sogleich eine der blassroten Schleifen in die Augen, die Lotte vorhatte, als ich sie kennen lernte, und um die ich sie seither etlichemal gebeten hatte. Es waren zwei Büchelgen im duodez dabei, der kleine Wetsteinische Homer, ein Büchelgen, nach dem ich so oft verlangt, um mich auf dem Spaziergange mit dem Ernestischen nicht zu schleppen. Sieh! so kommen sie meinen Wünschen zuvor, so suchen sie all die kleinen Gefälligkeiten der Freundschaft auf, die tausendmal werter sind als jene blendende Geschenke, wodurch aus uns die Eitelkeit des Gebers erniedrigt. Ich küsse diese Schleife tausendmal, und mit jedem Atemzuge schlürfe ich die Erinnerung jener Seligkeiten ein, mit denen mich jene wenige, glückliche, unwiederbringliche Tage überfüllten. Wilhelm es ist so, und ich murre nicht, die Blüten des Lebens sind nur Erscheinungen! wie viele gehn vorüber, ohne eine Spur hinter sich zu lassen, wie wenige setzen Furcht an, und wie wenige dieser Früchte werden reif. Und doch sind deren noch genug da, und doch – O mein Bruder! können wir gereifte Früchte vernachlässigen, verachten, ungenossen verwelken und verfaulen lassen? Lebe wohl! Es ist ein herrlicher Sommer, ich sitze oft auf den Obstbäumen in Lottens Baumstück mit dem Obstbrecher der lange Stange, und hole die Birn aus dem Gipfel. Sie steht unten und nimmt sie ab, wenn ich sie ihr hinunter lasse.

am 30. August.

Unglücklicher! Bist du nicht ein Tor? Betrügst du dich nicht selbst? Was soll all diese tobende endlose Leidenschaft? Ich habe kein Gebet mehr, als an sie, meiner Einbildungskraft erscheint keine andere Gestalt als die ihrige, und alles in der Welt um mich her, sehe ich nur im Verhältnisse mit ihr. Und das macht mir denn so manche glückliche Stunde – Bis ich mich wieder von ihr losreißen muss, ach Wilhelm, wozu mich mein Herz oft drängt! – Wenn ich so bei ihr gesessen bin, zwei, drei  Stunden und nicht an der Gestalt, an dem Betragen, an dem himmlischen Ausdruck ihrer Worte geweidet habe, und nun so nach und nach alle meine Sinnen aufgespannt werden, mir´s düster vor den Augen wird, ich kaum was noch höre, und mich´s an die Gurgel fasst, wie ein Meuchelmörder, dann mein Herz in wilden Schlägen den bedrängten Sinnen Luft zu machen sucht und ihre Verwirrung vermehrt. Wilhelm, ich weiß oft nicht, ob ich auf der Welt bin! Und wenn nicht manchmal die Wehmut das Übergewicht nimmt, und Lotte mir den elenden Trost erlaubt, auf ihrer Hand meine Beklemmung auszuweinen, zu muss ich fort! Muss hinaus! Und schweife dann weit im Felde umher. Einen gähen Berg zu klettern, ist dann meine Freude, durch einen unwegsamen Wald einen Pfad durchzuarbeiten, durch die Hecken die mich verletzen, durch die Dornen die mich zerreißen! Da wird mir´s etwas besser! Etwas! Und wenn ich für Müdigkeit und Durst manchsmal unterwegs liegen bleibe, manchmal in der tiefen Nacht, wenn der hohe Vollmond über mir steht, im einsamen Walde auf einem krummgewachsenen Baum mich setze, um meinen verwundeten Sohlen nur einige Linderung zu verschaffen, und dann in einer ermattenden Ruhe in dem Dämmerscheine hinschlummere! O Wilhelm! Die einsame Wohnung einer Zelle, das härne Gewand und der Stachelgürtel, wären Labsale, nach denen meine Seele schmachtet. Adieu. Ich seh all dieses Elends kein End als das Grab.

am 3. September.

Ich muss fort! Ich danke Dir, Wilhelm, dass Du meinen wankenden Entschluss bestimmt hast. Schon vierzehn Tage geh ich mit dem Gedanken um, sie zu verlassen. Ich muss. Sie ist wieder in der Stadt bei einer Freundin. Und Albert – und – ich muss fort.

am 10. September. 

Das war eine Nacht! Wilhelm, nun übersteh ich alles. Ich werde sie nicht wiedersehen. O dass ich nicht an Deinen Hals fliegen, Dir mit tausend Tränen und Entzündungen ausdrücken kann, mein Bester, all die Empfindungen, die mein Herz bestürmen. Hier sitz ich und schnappe nach Luft, suche mich zu beruhigen, und erwarte den Morgen, und mit Sonnen Aufgang sind die Pferde bestellt. 

Ach sie schläft ruhig und denkt nicht, dass sie mich nie wieder sehen wird. Ich habe mich losgerissen, bin stark genug gewesen, in einem Gespräche von zwei Stunden mein Vorhaben nicht zu verraten. Und Gott, welch ein Gespräch! 

Albert hatte mir versprochen, gleich nach dem Nachtessen mit Lotten im Garten zu sein. Ich stand auf der Terasse unter den hohen Castanienbäumen, und sah der Sonne nach, die mir nur zum letztenmal über dem lieblichen Tale, über dem sanften Flusse untergieng. So oft hatte ich hier gestanden mit ihr, und eben dem herrlichen Schauspiele zugesehen und nun – Ich gieng in der Allee auf und ab, die mir so lieb war, ein geheimer sympathetischer Zug hatte mich hier so oft gehalten, eh ich noch Lotten kannte, und wie freuten wir uns, als im Anfange unserer Bekanntschaft wir die wechselseitige Neigung zu dem Plätzgen entdeckten, das wahrhaftig eins der romantischsten ist, die ich von der Kunst habe hervorgebracht gesehen. 

Erst hast du zwischen den Castanienbäumen die weite Aussicht – Ach ich erinnere mich, ich habe dir, denk ich, schon viel geschrieben davon, wie hohe Buchenwände einen endlich einschließen und durch ein daran stoßendes Bosquet die Allee immer düsterer wird, bis zuletzt alles sich in ein geschlossenes Plätzgen endigt, das alle Schauer der Einsamkeit umschweben. Ich fühl es noch wie heimlich mir´s ward, als ich zum erstenmal an einem hohen Mittage hinein trat, ich ahndete ganz leise, was das noch für ein Schauplatz werden sollte von Seligkeit und Schmerz. 

Ich hatte mich etwa eine halbe Stunde in denen schmachtenden süßen Gedanken des Abscheidens, des Wiedersehns geweidet; als ich sie die Terasse herauf steigen hörte, ich lief ihnen entgegen, mit einem Schauer fasst´ ich ihre Hand und küsste sie. Wir waren eben hierauf getreten, als der Mond hinter den büschigen Hügel aufgieng, wir redeten mancherlei und kamen unvermerkt dem düsteren Cabinette näher. Lotte tratt hinein und setzte sich, Albert neben sie, ich auch, doch, meine Unruhe ließ mich nicht lange sitzen, ich stand auf, trat vor sie, gieng auf und ab, setzte mich wieder, es war ein ängstlicher Zustand. Sie machte uns aufmerksam auf die schöne Würkung des Mondlichts, das am Ende des der Buchenwände die ganze Terasse vor uns erleuchtete, ein herrlicher Anblick, der um so viel frappanter war, weil uns rings eine tiefe Dämmerung einschloss. Wir waren still, und sie fieng nach einer Weile an: Niemals geh ich im Mondlichte spazieren, niemals dass mir nicht der Gedanke an meine Verstorbenen begegnete, dass nicht das Gefühl von Tod, von Zukunft über mich käme. Wir werden sein, fuhr sie mit der Stimme des herrlichsten Gefühls fort, aber Werther, sollen wir uns wieder finden? und wieder erkennen? Was ahnden sie, was sagen sie?

 Lotte, sagt´ ich, indem ich ihr die Hand reichte und mir die Augen voll Tränen wurden, wir werden uns wiedersehen! Hier und dort wieder sehn! – Ich konnte nicht weiter reden  – Wilhelm, musste sie mich das fragen? da ich diesen ängstlichen Abschied im Herzen hatte. 

Und ob die lieben Abgeschiedenen von uns wissen, fuhr sie fort, ob sie fühlen, wann´s  uns wohl geht, dass wir mit warmer Liebe uns ihrer erinnern? O die Gestalt meiner Mutter schwebt immer um mich, wenn ich so am stillen Abend, unter ihren Kindern, unter meinen Kindern sitze, und sie um mich versammlet sind, wie sie um sie versammlet waren. Wenn ich so mit einer sehnenden Träne gen Himmel sehe, und wünsche: dass sie herein schauen könnte einen Augenblick, wie ich mein Wort halte, das ich ihr in der Stunde des Todes gab: die Mutter ihrer Kinder zu sein.Hundertmal ruf ich aus: Verzeih mir´s Teuerste, wenn ich ihnen nicht bin, was du ihnen warst. Ach! tue ich doch alles was ich kann, sind sie doch gekleidet, genährt, ach und was mehr ist als das alles, gepflegt und geliebet. Könntest du unsere Eintracht sehn, liebe Heilige! du würdest mit dem heißesten Danke den Gott verherrlichen, den du mit den letzten bittersten Tränen um die Wohlfahrt deiner Kinder batst. Sie sagte das! O Wilhelm! wer kann wiederholen was sie sagte, wie kann der kalte tote Buchstabe diese himmlische Blüte des Geistes darstellen. Albert fiel ihr sanft in die Rede: es greift sie zu stark an, liebe Lotte, ich weiß, ihre Seele hängt sehr nach diesen Ideen, aber ich bitte sie – O Albert, sagte sie, ich weiß, du vergisst nicht die Abende, da wir zusammen saßen an dem kleinen runden Tischgen, wenn der Papa verreist war, und wir die Kleinen schlafen geschickt hatten. Du hattest oft ein gutes Buch, und kamst so selten dazu etwas zu lesen. War der Umgang dieser herrlichen Seele nicht mehr als alles! die schöne, sanfte, muntere und immer tätige Frau! Gott kennt meine Tränen, mit denen ich mich oft in meinem Bette vor ihn hinwarf: er möchte mich ihr gleich machen. 

Lotte! rief ich aus, indem ich mich vor sich hinwarf, ihre Hände nahm und mit tausend Tränen netzte. Lotte, der Segen Gottes ruht über dir, und der Geist deiner Mutter! – Wenn sie sie gekannt hätten! sagte sie, indem Sie mir die Hand drückte, – sie war wert, von ihnen gekannt zu sein. – Ich glaubte zu vergehen, nie war ein größeres, stolzeres Wort über mich ausgesprochen worden, und sie fuhr fort: und diese Frau musste in der Blüte ihrer Jahre dahin, da ihre jüngste Sohn nicht sechs Monate alt war. Ihre Krankheit dauerte nicht lange, sie war ruhig, resigniert, nur ihre Kinder taten ihr weh, besonders das kleine. Wie es gegen das Ende gieng, und sie zu mir sagte: Bring mir sie herauf, und wie ich sie herein führte, die kleinen die nicht wussten, und die ältesten die ohne Sinne waren, wie sie ums Bett standen, und wie sie die Hände aufhub und über sie betete, und sie küsste nach einander und sie wegschickte, und zu mir sagte: Sei ihre Mutter! Ich gab ihr die Hand drauf! Du versprichst viel, meine Tochter, sagte sie, das Herz einer Mutter und das Aug einer Mutter! Ich hab oft an deinen dankbaren Tränen gesehen, dass du fühlst was das sei. Hab es für deine Geschwister, und für deinen Vater, die Treue, den Gehorsam einer Frau. Du wirst ihn trösten. Sie fragte nach ihm, er war ausgegangen, um uns den unerträglichen Kummer zu verbergen, den er fühlte, der Mann war ganz zerrissen. 

Albert, du warst im Zimmer! Sie hörte jemand gehn, und fragte, und forderte dich zu ihr. Und wie sie dich ansah und mich, mit dem getrösteten ruhigen Blicke, dass wir glücklich sein, zusammen glücklich sein würden. Albert fiel ihr um den Hals und küsste sie, und rief: wir sind´s! wir werden´s sein. Der ruhige Albert war ganz aus seiner Fassung, und ich wusste nichts von mir selber. 

Werther, fieng sie an, und diese Frau sollte dahin sein! Gott, wenn ich manchmal so denke, wie man das Liebste seines Lebens so weggetragen lässt, und niemand als die Kinder das so scharf fühlt, die sich noch lange beklagten: die schwarzen Männer hätten die Mamma weggetragen. 

Sie stund auf, und ich ward erweckt und erschüttert, blieb sitzen und hielt ihre Hand. Wir wollen fort, sagte sie, es wird Zeit. Sie wollte ihre Hand zurück ziehen und ich hielt sie fester! Wir werden uns wiedersehn, rief ich, wir werden uns finden, unter allen Gestalten werden wir uns erkennen. Ich gehe, fuhr ich fort, ich gehe willig, und doch, wenn ich sagen sollte auf ewig, ich würde es nicht aushalten. Leb wohl, Lotte! Leb wohl, Albert! Wir sehen uns wieder. – Morgen denk ich, versetzte sie scherzend, ich fühlte das Morgen! Ach sie wusste nicht als sie ihre Hand aus der meinigen zog – sie giengen die Allee hinaus, ich stand, sah ihnen nach im Mondscheine und warf mich an die Erde und weint sie mich aus, und sparg auf, lief auf die Terrasse hervor und sah noch dort drunten im Schatten der hohen Lindenbäume ihr weißes Kleid nach der Gartentüre schimmern, ich streckte meine Arme hinaus, und es verschwand.

Zweiter Teil

am 20. Oktober 1771.

Gestern sind wir hier angelangt. Der Gesandte ist unpass, und wird sich also einige Tage einhalten, wenn er nur nicht so unhold wäre, wär alles gut. Ich merke, ich merke, das Schicksal hat mir harte Prüfungen zugedacht. Doch gutes Muts! ein leichter Sinn trägt alles! Ein leichter Sinn! das macht mich zu lachen, wie das Wort in meine Feder kommt. O ein Bissgen leichteres Blut würde mich zum glücklichsten Menschen unter der Sonne machen. Was! Da wo andre, mit ihrem Bissgen Kraft und Talent, von mir in behaglicher Selbstgefälligkeit herum schwadronieren, verzweifl´ ich an meiner Kraft, an meinen Gaben. Guter Gott! der mir das alles schenktest, warum hieltest du nicht die Hälfte zurück und gabst mir Selbstvertrauen und Genügsamkeit! 

Geduld! Geduld! Es wird besser werden. Denn ich sage dir, Lieber, du hast Recht. Seit ich unter dem Volke so alle Tage herumgetrieben werde, und sehe was sie tun und wie sie´s treiben, steh ich viel besser mit mir selbst. Gewiss, weil wir doch einmal so gemacht sind, dass wir alles mit uns, und mit allem vergleichen; so liegt Glück oder Elend in den Gegenständen, womit wir uns zusammenhalten, und da ist nichts gefährlicher als die Einsamkeit. Unsere Einbildungskraft, durch ihre Natur gedrungen sich zu erheben, durch die phantastische Bilder der Dichtkunst genährt, bildet sich eine Reihe Wesen hinauf, wo wir das unterste sind, und alles außer uns herrlicher erscheint, jede andre vollkommner ist. Und das geht ganz natürlich zu: Wir fühlen so oft, dass uns manches mangelt, und eben was uns fehlt scheint uns oft ein anderer zu besitzen, dem wir denn auch alles dazu geben was wir haben, und noch ein gewisse idealische Behaglichkeit dazu. Und so der Glückliche vollkommen fertig, das Geschöpf unserer selbst. 

Dagegen wenn wir mit all unserer Schwachheit und Mühseligkeit nur gerade fortarbeiten, so finden wir gar oft, dass wir mit all unserem Schlendern und Lavieren es weiter bringen als andre mit ihren Segeln und Rudern – und – das ist doch ein wahres Gefühl seiner selbst, wenn man andern gleich oder gar vorläuft.

am 10. November.

Ich fange an mich in sofern ganz leidlich hier zu befinden. Das beste ist, dass es zu tun genug giebt, und dann die vielerlei Menschen, die allerlei neue Gestalten, machen mir ein buntes Schauspiel vor meiner Seele. Ich habe den Grafen C .. kennen lernen, einen Mann, den ich jeden Tag mehr verehren muss. Einen weiten großen Kopf, und der deswegen nicht kalt ist, weil er viel übersieht; aus dessen Umgange sov iel Empfindung für Freundschaft und Liebe hervorleuchtet. Er nahm Teil an mir, als ich in einen Geschäftauftrag an ihn ausrichtete, und er bei den ersten Worten merkte, dass wir uns verstunden, dass er mit mir reden konnte wie nicht mit jedem. Auch kann ich sein offenes Betragen gegen mich nicht genug rühmen. So eine wahre warme Freude ist nicht in der Welt, als eine große Seele zu sehen, die sich gegen einen öffnet.

am 24. Dezember.

Der Gesandte macht mir viel Verdruss, ich hab es voraus gesehen. Er ist der pünktlichste Narre, den´s nur geben kann. Schritt für Schritt und umständlich wie eine Base. Ein Mensch, der nie selbst mit sich zufrieden ist, und dem´s daher niemand zu Danke machen kann. Ich arbeite gern leicht weg, und wie´s steht so steht ´s, da ist er im Stande, mir einen Aufsatz zurückzugeben und zu sagen: er ist gut, aber sehen sie ihn durch, man findt immer ein besser Wort, eine reinere Partikel. Da möcht ich des Teufels werden. Kein Und, kein Bindewörtchen sonst darf außenbleiben, und von allen Inversionen die mir manchmal entfahren, ist er ein Todfeind. Wenn man seinen Period nicht nach der herebrachten Melodie heraborgelt; so versteht er gar nichts drinne. Das ist ein Leiden, mit so einem Menschen zu tun zu haben. 

Das Vertrauen des Grafen von C.. ist noch das einzige, was mir schadlos hält. Er sagte mir letzthin ganz aufrichtig: wie unzufrieden er über die Langsamkeit und Bedenklichkeit meines Gesandten sei. Die Leute erschweren sich´s und andern. Doch, sagt er, man muss sich darein resignieren, wie ein Reisender, der über einen Berg muss. Freilich! wär der Berg nicht da, wäre der Weg viel bequemer und kürzer, er ist nun aber da! und es soll drüber! –

Mein Alter spürt auch wohl den Vorzug, den mir der Graf von ihm giebt, und das ärgert ihn, und er ergreift jede Gelegenheit, übels gegen mich vom Grafen zu reden, ich halte, wie natürlich, Widerpart, und dadurch wird die Sache nur schlimmer. Gestern gar bracht´ er mich auf, denn ich war mit gemeint. Zu so Weltgeschäften wäre der Graf ganz gut, er hätte viel Leichtigkeit zu arbeiten, und führte eine gute Feder, doch an gründlicher Gelehrsamkeit mangelt es ihm, wie all den Belletristen. Darüber hätt´ ich ihn gern ausgeprügelt, denn weiter ist mit den Kerls nicht zu raisonnieren, da das aber nun nicht angieng, so focht ich mit ziemlicher Heftigkeit, und sagt ihm, der Graf sei ein Mann, vor dem man Achtung haben müsste, wegen seines Charakters sowohl, als seiner Kenntnisse; ich habe, sagt ich, niemand gekannt, dem es so geglückt wäre, seinen Geist zu erweitern, in über unzählige Gegenstände zu verbreiten, und doch die Tätigkeit fürs gemeine Leben zu behalten. Das waren dem Gehirn spanische Dörfer, und ich empfahl mich, um nicht über ein weiteres Deraisonnement noch mehr Galle zu schlucken. 

Und daran seid ihr alle Schuld, die ihr mich in das Joch geschwatzt, und mir so viel von Aktivität vorgesungen habt. Aktivität! Wenn nicht mehr tut, der Kartoffeln steckt, und in die Stadt reitet, sein Korn zu verkaufen, als ich, so will ich zehn Jahre noch mich auf der Galeere abarbeiten, auf der ich nun angeschmiedet bin. 

Und das glänzende Elend die Langeweile und dem garstigen Volke das ich hier neben einander sieht. Die Rangsucht unter ihnen, wie sie nur wachen und aufpassen,  einander ein Schrittgen abzugewinnen, die elendsten erbärmlichsten Leidenschaften, ganz ohne Röckgen! Das ist ein Weib, zum Exempel, die jedermann von ihrem Adel und ihrem Lande unterhält, dass nun jeder Fremde denken muss: das ist eine Närrin, die sich auf das Bissgen Adel und auf den Ruf ihres Landes Wunderstreiche einbildet – Aber es ist noch viel ärger, eben das Weib ist hier aus der Nachbarschaft eine Amtschreibers Tochter. – Sieh, ich kann das Menschengeschlecht nicht begreifen, das so wenig Sinn hat, um sich so platt zu prostituieren. 

Zwar ich merke täglich mehr, mein Lieber, wie töricht man ist andre nach sich zu berechnen. Und weil ich so viel mit mir selbst zu tun habe, und dieses Herz und Sinn so stürmisch ist, ach ich lasse gern die andern ihren ihres Pfades gehen, wenn sie mich nur auch könnten gehn lassen. 

Was mich am meisten neckt, sind die fatalen bürgerlichen Verhältnisse. Zwar weiß ich so gut als einer, wie nötig der Unterschied der Stände ist, wie viel Vorteile er mir selbst verschafft, nur soll er mir nicht eben grad im Wege stehn, wo ist noch ein wenig Freude, einen Schimmer von Glück auf dieser Erden genießen könnte. Ich lernte neulich auf dem Spaziergange ein Fräulein von B.. kennen, ein liebenswürdiges Geschöpf, das sehr viel Natur mitten in dem steifen Leben erhalten hat. Wir gefielen uns in unserm Gespräche, und da wir schieden, bat ich sie um Erlaubnis, sie bei sich sehen zu dürfen. Sie gestattete mir das mit soviel Freimütigkeit, dass ich den schicklichen Augenblick kaum erwarten konnte, zu ihr zu gehen. Sie ist nicht von hier, und wohnt bei einer Tante im Hause. Die Physiognomie der alten Schachtel gefiel mir nicht. Ich bezeigte ihr viel Aufmerksamkeit, mein Gespräch war meist an sie gewandt, und in minder als einer halben Stunde hatte ich so ziemlich weg, was mir das Fräulein nachher selbst gestund: dass die liebe Tante in ihrem Alter, und dem Mangel von allem, vom anständigen Vermögen an bis auf den Geist, keine Stütze hat, als die Reihe ihrer Vorfahren, keinen Schirm, als den Stand, in dem sie sich verpallisadiert, und kein Ergötzen, als von ihrem Stockwerk herab die bürgerlichen Häupter weg zu sehen. In ihrer Jugend soll sich schön gewesen sein, und ihr Leben so weggegaukelt, erst mit ihrem Eigensinne manchen armen Jungen gequält, und in reiferen Jahren sich unter den Gehorsam eines alten Offiziers geduckt haben, der gegen diesen Preis und einen leidlichen Unterhalt das ehrne Jahrhundert mit ihr zubrachte, und starb, und nun sieht sie im eisernen sich allein, und würde nicht angesehn, wär ihre Nichte nicht so liebenswürdig.

den 8. Jänner 1772.

Was das für ein Menschen sind, deren ganze Seele auf dem Cerimoniel ruht, deren Dichten und Trachten Jahre lang dahin geht, wie es um einen Stuhl weiter hinauf bei Tische sich einschieben wollen. Und nicht, dass die Kerls sonst keine Angelegenheiten hätten, nein, vielmehr häufen sich die Arbeiten, eben weil man über die kleinen Verdrüsslichkeiten, von Beförderung der wichtigen Sachen abgehalten wird. Vorige Woche gab´s bei der Schlittenfahrt Händel, und der ganzen Spaß wurde verdorben. 

Die Toren, die nicht sehen, dass es eigentlich auf dem Platz gar nicht ankommt, und dass der, der den ersten hat, so selten die erste Rolle spielt! Wie mancher König wird durch seinen Minister, wie mancher Minister durch seinen Sekretär regiert. Und wer ist dann der Erste? der, dünkt mich, der die anderen übersieht, und so viel Gewalt oder List hat, ihre Kräfte und Leidenschaften zur Ausführung seiner Pläne anzuspannen.

am 20. Jan.

Ich muss ihnen schreiben, liebe Lotte, hier in der Stube einer geringen Bauernherberge, in die ich mich vor einem schweren Wetter geflüchtet habe. So lange ich in den traurigen Neste D.. unter dem fremden, meinem Herzen ganz fremden Volke, herumziehe, hab ich keinen Augenblick gehabt, keinen, an dem mein Herz mich geheißen hätte Ihnen zu schreiben. Und jetzt in dieser Hütte, in dieser Einsamkeit, in dieser Einschränkung, da Schnee und Schlossen wider mein Fenstergen wüten, hier waren Sie mein erster Gedanke. Wie ich hereintrat, überfiel mich ihre Gestalt, ihr Andenken. O Lotte! so heilig, so warm! Guter Gott! der erste glückliche Augenblick wieder. 

Wenn sie mich sähen meine Beste, in dem Schwall von Zerstreuung! Wie ausgetrocknet meine Sinnen werden, nicht Einen Augenblick der Fülle des Herzens, nicht Eine selige tränenreiche Stunde. Nichts! Nichts! Ich stehe wie vor einem Raritätenkasten, und sehe die Männgen und Gäulgen vor mir herumrücken, und fragte mich oft, ob´s nicht optischer Betrug ist. Ich spiele mit, vielmehr, ich werde gespielt wie eine Marionette, und fasse manchmal meinen Nachbar an der hölzernen Hand und schaudere zurück. 

Ein einzig weiblich Geschöpf hab ich hier gefunden. Ein Fräulen von B.. Sie gleicht Ihnen liebe Lotte, wenn man ihnen gleichen kann. Ei! werden sie sagen: der Mensch legt sich auf niedliche Komplimente! Ganz unwahr ist´s nicht. Seit einiger Zeit bin ich sehr artig, weil ich doch nicht anders sein kann, habe viel Witz, und die Frauenzimmer sagen: es wüsste niemand so fein zu loben als ich (und zu lügen, setzen Sie hinzu, denn ohne das geht’s nicht ab, verstehen Sie:) Ich wolltevon Fräulen B.. reden! Sie hat viel Seele, die voll aus ihren blauen Augen hervorblickt, ihr Stand ist ihr zur Last, der keinen der Wünsche ihres Herzens befriedigt. Sie sehnt sich aus dem Getümmel, und wir verphantasieren manche Stunde in ländliche Szene von ungemischter Glückseligkeit, ach! und von Ihnen! Wie oft muss sie ihnen huldigen. Muss nicht, tut´s freiwillig, hör so gern von Ihnen, liebt Sie – 

O säß ich zu Ihren Füßen in dem lieben vertraulichen Zimmergen, und unsere kleinen Lieben wälzten sich miteinander um mich herum, und wenn sie Ihnen zu laut würden, wollt ich sie mit einem schauerlichen Märgen um mich zur Ruhe versammeln. Die Sonne geht herrlich unter über der schneeglänzenden Gegend, der Sturm ist hinüber gezogen. Und ich – muss mich wieder in meinen Käfig sperren. Adieu! Ist Albert bei ihnen? Und wie – ? Gott verzeihe mir diese Frage!

am 17. Februar.

Ich fürchte, mein Gesandter und ich, halten´s nicht lange mehr zusammen aus. Der Mensch ist ganz und gar unerträglich. Seine Art zu arbeiten und Geschäfte zu treiben ist so lächerlich, dass ich mich nicht enthalten kann ihm zu widersprechen, und oft eine Sache nach meinem Kopfe und Arzt zu machen, das ihm denn, wie natürlich, niemals recht ist. Darüber hat er mich neulich bei Hofe verklagt, und der Minister gab mir einen zwar sanften Verweis, aber es war doch ein Verweis, und ich stand im Begriffe, meinen Abschied zu begehren, als ich einen Privatbrief * von ihm erhielt, einen Brief, vor dem ich mich niedergekniet, und den hohen, edlen, weisen Sinn angebetet habe, wie er meine allzu große Empfindlichkeit zurechte weist, wie er meine überspannte Ideen von Würksamkeit, von Einfluss auf andere, von Durchdringen in Geschäften als jugendlichen guten Mut zwar ehrt, sie nicht auszutotten, nur zu mildern und dahin zu leiten sucht, wo sie ihr wahres Spiel haben, ihre kräftige Würkung tun können. Auch bin ich auf acht Tage gestärkt, und in mir selbst einig geworden. Die Ruhe der Seele ist ein herrlich Ding, und die Freude an sich selbst, lieber Freund, wenn nur das Ding nicht eben so zerbrechlich wäre, als es schön und kostbar ist.

am 20. Februar.

Gott segne euch, meine Lieben, geb euch all die guten Tage, die er mir abzieht. 

Ich danke dir Albert, dass du mich betrogen hast, ich warte auf Nachricht, wann euer Hochzeitstag sein würde, und hatte mir vorgenommen, feierlichst an demselben Lottens Schattenriss von der Wand zu nehmen, und sie unter andere Papiere zu begraben. Nun seid ihr ein Paar, und ihr Bild ist noch hier! Nun so soll´s bleiben! Und warum nicht? Ich weiß, ich bin ja auch bei euch, bin dir unbeschadet in Lottens Herzen. Habe, ja ich habe den zweiten Platz drinne, und will und muss ihn behalten. O ich würde rasend werden, wenn sie vergessen könnte – Albert in dem Gedanken liegt eine Hölle. Albert! Leb wohl. Leb wohl, Engel des Himmels, leb wohl, Lotte!

am 15. März.

Ich habe einen Verdruss gehabt, der mich von hier weg treiben wird, ich knirsche mit den Zähnen! Er ist nicht zu ersetzen, und ihr seid doch allein schuld daran, die ihr mich spornet und triebt und quältet, mich in einen Posten zu begeben, der nicht nach meinem Sinne war. Nun hab ich´s nun habt ihr´s. Und dass du nicht wieder sagst: meine überspannten Ideen verdürben alles; so hast du hier lieber Herr, eine Erzählung, plan und nett, wie ein Chronikenschreiber das aufzeichnen würde. 

Der Graf v C. liebt mich, distingwiert mich, das ist bekannt, das hab ich dir schon hundert mal gesagt. Nun war ich bei ihm zu Tische gestern, eben an dem Tage, da Abends die noble Gesellschaft von Herren und Frauen bei ihm zusammenkommt, an die ich nie gedacht hab, auch mir nie aufgefallen ist, dass wir Subalternen nicht hinein gehören. Gut. Ich Speise beim Grafen und nach Tische gehn wir im großen Saale auf und ab, ich rede mit ihm, mit dem Oberst B. der dazu kommt, und so rückt die Stunde der Gesellschaft heran. Ich denke, Gott weiß, an nichts. Da tritt herein die übergnädige Dame von S.. mit Dero Herren Gemahl und wohl ausgebrüteten Gänslein Tochter mit der flachen Brust und niedlichem Schnürleib, machen en passant ihre hergebrachten hochadlichen Augen und Nasenlöcher, und wie mir die Nation von Herzen zuwider ist, wollt eben mich empfehlen, und wartete nur, bis der Graf von garstigen Gewäsche frei wäre, als eben meine Fräulein B.. herein trat, da mir denn das Herz immer ein bissgen aufgeht, wenn ich sie sehe,  blieb ich eben, stellte mich hinter ihren Stuhl, und bemerkte erst nach einiger Zeit, dass sie mit weniger Offenheit als sonst, mit einiger Verlegenheit mit mir redte. Das fiel mir auf. Ist sie auch wie all das Volk, dacht ich, hol sie der Teufel! und war angestochen und wollte gehn, und doch blieb ich, weil ich intriguiert war, das Ding näher zu beleuchten. Über dem füllt sich die Gesellschaft. Der Baron F.. mit der ganzen Garderobe von den Königszeiten Frant des ersten her, der Hofrat R.. hier aber in qualitate Herr von R.. genannt mit seiner tauben Frau etc. dden übel fournierten J. nicht zu vergessen, bei dessen Kleidung, Reste der altfränkischen mit dem neust aufgebrachten kontrastieren etc. das kommt all und ich rede mit einigen meiner Bekanntschaft, die alle sehr lakonisch sind, ich dachte – und gab nur auf mein B.. acht. Ich merkte nicht, dass die Weiber am Ende des Saals sich in die Ohren pisperten, dass es auf die Männer zirkulierte, dass Frau von S.. mit dem Grafen redte (das alles hat mir Fräulein B.. nachher erzählt:) bis endlich der Graf mich losgieng und mich in ein Fenster nahm. Sie wissen sagt er, unsere wunderbaren Verhältnisse, die Gesellschaft ist unzufrieden, merk ich, sie hier zu sehn, ich wollte nicht um alles – Ihro Exzellenz, fiel ich ein, ich bitte tausendmal um Verzeihung, ich hätte er dran denken sollen, und ich weiß, sie verzeihen mir diese Inkonsequenz, ich wollte schon vorhin mich empfehlen, ein böser Genius hat mich zurück gehalten, setzte ich lächelnd hinzu, indem ich mich neigte. Der Graf drückte meine Hände mit einer Empfindung, die alles sagte. Ich machte der vornehmen Gesellschaft mein Compliment, gieng und setzte mich in ein Cabriolet und vor nach M.. dort vom Hügel die Sonne untergehen zu sehen, uns dabei in meinem Homer den herrlichen Gesang zu lesen, wie Ulyss von dem trefflichen Schweinehirten bewirtet wird. Das war all gut. 

Des Abends komm ich zurück zu Tische. Es waren noch wenige in der Gaststube, die würfelten auf einer Ecke, hatten das Tischtuch zurück geschlagen. Da kommt der ehrliche A… hinein, legt seinen Hut nieder, indem er mich ansieht, tritt zu mir und sagt leise: Du hast Verdruss gehabt? Ich? sagt´ ich – Der Graf hat dich aus der Gesellschaft gewiesen – Hol sie der Teufel, sagt´ ich, mir war´s lieb, dass ich in die freie Luft kam – Gut, sagt er, dass du´s auf die leichte Achel nimmst. Nur verdrießt mich´s. Es ist schon überall herum. – Da fieng mir das Ding erst an zu wurmen. Alle die zu Tische kamen und mich ansahen, dacht´ ich die sehen dich darum an! Das fieng an mir böses Blut zu setzen. 

Und da man nun heute gar wo ich hintrete mich bedauert, da ich höre, dass meine Neider nun triumphieren und sagen: Da sähe man´s, wo´s mit den Übermütigen hinausgieng, die sich ihres bissigen Kopfs überhüben glaubten, sich drum über alle Verhältnisse hinaussetzen zu dürfen, und was des Hundegeschwätzes mehr ist. Da möchte man sich ein Messer ins Herz bohren. Denn man Rede von Selbständigkeit was man will, den will ich sehn der dulden kann, dass Schurken über ihn reden, wenn sie eine Prise über ihn haben. Wenn ihr Geschwätz leer ist, ach! da kann man sie es leicht lassen.

am 16. März.

Es hetzt mich alles! Heut treff ich die Fräulein B..in der Allee. Ich konnte mich nicht enthalten sie anzureden, und ihr, sobald wir etwas entfernt von der Gesellschaft waren,  meine Empfindlichkeit über ihr neuliches Betragen zu zeigen. O Werther, sagte sie mit einem innigen Tone, konnten Sie meine Verwirrung so auslegen, da Sie mein Herz kennen. Was ich gelitten habe um ihrentwillen, von dem Augenblicke an, da ich in den Saal trat. Ich sah alles voraus, hundertmal saß mir´s auf der Zunge, es Ihnen zu sagen, ich wusste, dass die von S.. und T.. mit ihren Männern eher aufbrechen würden, als in Ihrer Gesellschaft zu bleiben, ich wusste, dass der Graf ist nicht mit Ihnen verderben darf, und jetzto der Lärm –  Wie Fräulein? sagt´ ich, und verbarg meinen Schrecken, denn alles, was Adelin mir ehgestern gesagt hatte, lief mir siedend Wasser durch die Adern in diesem Augenblicke. – Was hat mich´s schon gekostet! sagte das süße Geschöpf, indem er die Tränen in den Augen stunden. Ich war nicht Herr mehr von mir selbst, war im Begriff, mich ihr zu Füßen zu werfen. Erklären sie sich, ruft´ ich: Die Tränen liefen ihr die Wangen herunter, ich war außer mir. Sie trocknete sie ab, ohne sie verbergen zu wollen. Meine Tante kennen sie, fieng sie an; sie war gegenwärtig, und hat, o mit was für Augen hat sie das angesehn. Werther, ich habe gestern Nacht ausgestanden, und heute früh eine Predigt über meinen Umgang mit Ihnen, und ich habe müssen zuhören Sie herabsetzen, erniedrigen, und konnte und durfte Sie nur halb verteidigen. 

Jedes Wort, das sie sprach, gieng mir wie Schwerder durchs Herz. Sie fühlte nicht, welche Barmherzigkeit es gewesen wäre, mir das alles zu verschweigen, und nun fügte sie noch all dazu, was weiter würde geträtscht werden, was die schlechten Kerls alle darüber triumphieren würden. Wie man nummehro meinen Übermut und Geringschätzung andrer, das sie mir schon lange vorwerfen, gestraft, erniedrigt ausschreien würde. Das alles, Wilhelm, von ihr zu hören, mit der Stimme der wahrsten Teilnehmung. Ich war zerstört, und bin noch wütend ihn mir. Ich wollte, dass sich einer unterstünde mir’s vorzuwerfen, dass ich ihm den Degen durch den Leib stoßen könnte! Wenn ich Blut sähe würde mir´s besser werden. Ach ich habe hundertmal ein Messer ergriffen, um diesem gedrängten Herzen Luft zu machen. Man erzählt von einer edlen Art Pferde, die, wenn sie schröcklich erhitzt und aufgejagt sind, sich selbst aus Instinkt eine Ader aufbeißen, um sich zum Atem zu helfen. So ist mir´s oft, ich möchte mir eine Ader öffnen, die mir die ewige Freiheit schaffte.

am 24. März.

Ich habe meine die Dimission bei Hofe verlangt, und werde sie, hoff ich erhalten, und ihr werdet mir verzeihen, dass ich nicht erst Permission dazu bei euch geholt habe. Ich muss nun einmal fort, und was ihr zu sagen hattet, um mir das Bleiben einzureden weiß ich all, und also – Bring das meiner Mutter in einem Säftgen bei, ich kann mir selbst nicht helfen, also mag sie sich´s gefallen lassen, wenn ich ihr auch nicht helfen kann. Freilich muss es ihr weh tun. Auf den ihr Sohn grad zum Geheimderat und Gesandten ansetzte, so auf einmal Halte zu sehen, und rückwärts mit dem Tiergen in Stall. Macht nun draus was ihr wollt und kombiniert die mögliche Fälle, unter denen ich hätte bleiben können und sollen. Genug ich gehe. Und damit ihr wisst wo ich hinkomme, so ist hier der Fürst** der viel Geschmack an meiner Gesellschaft findet, der hat mich gebeten, da er von meiner Absicht hörte, mit ihm auf seine Güter zu gehen, und den schönen Frühling dazu zuzubringen. Ich soll ganz mir selbst überlassen sein, hat er mir versprochen, und da wir uns zusammen bis auf einen gewissen Punkt verstehn, so will ich’s denn auf gut Glück wagen, und mit ihm gehen.

den 19. April.

Zur Nachricht. 

Danke für deinen beiden Briefe. Ich antwortete nicht, weil ich diesen Brief liegen ließ, bis mein Abschied von Hofe da wäre, weil ich fürchtete, meine Mutter möchte sich an den Minister wenden und mir mein Vorhaben erschweren. Nun aber ist´s geschehen, mein Abschied ist da. Ich mag euch nicht sagen, wie ungern man mir ihn gegeben hat, und was mir der Minister schreibt, ihr würdet in neue Lamentationen ausbrechen. Der Erbprinz hat mir zum Abschiede fünf und zwanzig Dukaten geschickt, mit einem Wort, das mich bis zu Tränen gerührt hat. Also braucht die Mutter mir das Geld nicht zu schicken, um das ich neulich schrieb.

am 5. Mai.

Morgen geh ich von hier ab, und weil mein Geburtsort nur sechs Meilen vom Wege liegt, so will ich den auch wieder sehen, will mich der alten glücklich verträumten Tage erinnern. Zu eben dem Tore will ich hingehen, aus dem meine Mutter mit mir herausfuhr, als sie nach dem Tode meines Vaters den lieben vertraulichen Ort verließ, um sich in ihre unerträgliche Stadt einzusperren. Adieu, Wilhelm, du sollst von meinem Zuge hören.

am 9. Mai.

Ich habe wie Wallfahrt nach meiner Heimat mit aller Andacht eines Pilgrims vollendet, und manche unerwartete Gefühle haben mich ergriffen. An der großen Linde, die eine Viertelstunde von der Stadt nach S.. zusteht, ließ ich halten, stieg aus und hieß den Postillon fortfahren, um zu Fuße jede Erinnerung ganz neu, lebhaft nach meinem Herzen zu kosten. Da stand ich nun unter der Linde, die ehedessen als Knabe das Ziel und die Gränze meiner Spaziergänge gewesen. Wie anders! Damals sehnt ich mich in glücklicher Unwissenheit hinaus in die unbekannte Welt, wo ich für mein Herz alle die Nahrung, all den Genuss hoffte, dessen Ermangeln ich so oft in meinem Busen fühlte. Jetzt kam ich zurück aus der weiten Welt – O mein Freund, mit wie viel fehlgeschlagenen Hoffnungen, mit wie viel zerstörten Planen! – Ich sah das Gebürge vor mir liegen, das so tausendmal der Gegenstand meiner Wünsche gewesen. Stundenlang konnte ich hier sitzen, und mich hinüber sehnen, mit inniger Seele mich in denen Wäldern, denen Tälern verlieren, die sich meinen Augen so freundlich dämmernd darstellten – und wenn ich denn nun die bestimmte Zeit wieder zurück musste, mit welchem Widerwillen verließ ich nicht den lieben Platz! Ich kam der Stadt näher, alle alte bekannte Gartenhäusgen wurden von mir gegrüßt, die neuen waren mir zuwider, so auch alle Veränderungen, die man sonst vorgenommen hatte. Ich trat zum Tore hinein, und fand mich doch gleich und ganz wieder. Lieber, ich mag nicht ins Detail gehn, so reizend als es mir war, so einförmig würde es in der Erzählung werden. Ich hatte beschlossen auf dem Markte zu wohnen, gleich neben unserem alten Hause. Im Hingehen bemerkte ich dass die Schulstube, wo ein ehrlich altes Weib unsere Kindheit zusammengepfercht hatte, in einen Kram verwandelt war. Ich erinnere mich der Unruhe, der Tränen, der Dummheit des Sinnes, der Herzensangst, die ich in dem Loche ausgestanden hatte – Ich tat keinen Schritt, der nicht merkwürdig war. Ein Pilger im heiligen Lande trifft nicht zu viel Stätten religioser Erinnerung, und seine Seele ist schwerlich so voll heiliger Bewegung. – Noch eins für tausend. Ich gieng den Fluss hinab, bis an einen gewissen Hof, das war sonst auch mein Weg, und die Plätzgen da wir Knaben uns übten, die meisten Sprünge der flachen Steine im Wasser hervorzubringen. Ich erinnere mich so lebhaft, wenn ich manchmal stand, und dem Wasser nachsah, mit wie wunderbaren Ahndungen ist das verfolgte, wie abenteuerlich ich mir die Gegend vorstellte, wo es nun hinflösse, und wie ich da so bald Grenzen meiner Vorstellungskraft fand, und doch musste das weiter gehn, immer weiter, bis ich mich ganz in dem Anschauen einer unsichtbaren Farne verlor. Siehe mein Lieber, das ist doch eben das Gefühl der herrlichen Altväter! Wenn Ulyss von dem ungemessenen Meere, und von der unendlichen Erde spricht ist, das nicht wahrer, menschlicher, inniger, als wenn jetzto jeder Schulknabe sich wunder weise dünkt, wenn er nachsagen kann, dass sie rund sei. Nun bin ich hier auf dem fürstlichen Jagdschlosse. Es lässt sich noch ganz wohl mit dem Herrn leben, er ist ganz wahr, und einfach. Was mir noch manchmal leid tut, ist dass er oft über Sachen redt, die er nur gehört und gelesen hat, und zwar aus eben dem Gesichtspunkte, wie sie ihm der andere darstellen möchte. Auch schätzt er meinen Verstand und Talente mehr als dies Herz, das doch mein einziger Stolz ist, das ganz allein die Quelle von allem ist, aller Kraft, aller Seligkeit und alles Elends. Ach was ich weiß, kann jeder wissen. – Mein Herz habe ich allein.

am 25.Mai.

Ich hatte etwas im Kopfe, davon ich euch nicht sagen wollte, bis es ausgeführt wäre, jetzt da nichts draus wird, ist´s ebenso gut. Ich wollte in Krieg! Das hat mir lang am Herzen gelegen. Vornehmlich darum bin ich den Fürsten hierher gefolgt, der General in ***schen Diensten ist. Auf einem Spaziergang entdeckte ich ihm mein Vorhaben, er wiederriet mir´s, und es müsste bei mir mehr Leidenschaft als Grille gewesen sein, wenn ich seinen Gründen nicht hätte Gehör geben wollen.

am 11. Juni. 

Sag was Du willst, ich kann nicht länger bleiben. Soll ich hier? Die Zeit wird mir lang. Der Fürst hält mich wie seines Gleichen gut, und doch bin ich nicht in meiner Lage. Und dann, wir haben im Grunde nichts gemeines mit einander. Er ist ein Mann von Verstande, aber von ganz gemeinen Verstande, sein Umgang unterhält mich nicht mehr, als wenn ich ein wohlgeschrieben Buch lese. Noch acht Tage bleib ich, und dann zieh ich wieder in der Irre herum. Das beste, was ich hier getan habe, ist mein Zeichnen. Und der Fürst fühlt in der Kunst, und würde noch stärker fühlen, wenn er nicht durch das garstige, wissenschaftliche Wesen, und durch die gewöhnliche Terminologie eingeschränkt wäre. Manchmal knirsch ich mit den Zähnen, wenn ich ihn mit warmer Imagination so an Natur und Kunst herum führe und er´s auf einmal recht gut zu machen denkt, wenn er mit einem gestempelten Kunstworte drein tölpelt.

am 18. Juni. 

Wo ich hin will? Das lass dir im Vertrauen eröffnen.Vierzehn Tage muss ich doch noch hier bleiben, und dann habe ich mir weis gemacht, dass ich die Bergwerke in ***schen besuchen wollte, ist aber im Grunde nichts dran, ich will nur Lotten wieder näher, das ist alles. Und ich lache über mein eigen Herz – und tue ihm seinen Willen.

am 29. Juli.

Nein es ist alles gut! Es ist alles gut! Ich ihr Mann! O Gott, der du mich machtest, wenn du mir diese Seligkeit bereitet hättest, mein ganzes Leben sollte ein anhaltendes Gebet sein. Ich will nicht rechten, und verzeih wir diese Tränen, verzeih mir meine vergebliche Wünsche. – Sie meine Frau! Wenn ich das liebste Geschöpf unter der Sonne in meine Arme geschlossen hätte – Es geht mir ein Schauder durch den ganzen Körper, Wilhelm, wenn Albert sie um den schlanken Leib fasst. 

Und, darf ich´s sagen? Warum nicht, Wilhelm, sie wäre mit mir glücklicher geworden als mit ihm! O er ist nicht der Mensch, die Wünsche dieses Herzens alle zu füllen. Ein gewisser Mangel an Fühlbarkeit, ein Mangel – nimm´s wie du willst, das sein Herz nicht sympathetisch schlägt bei – Oh! – bei der Stelle eines lieben Buchs, wo mein Herz und Lottens in einem zusammen treffen. In hundert andern Vorfällen, wenn´s kommt, dass unsere Empfindungen über eine Handlung eines dritten laut werden. Lieber Wilhelm! – Zwar er liebt sie von ganzer Seele, und so eine Liebe was verdient die nicht – 

Ein unerträglicher Mensch hat mich unterbrochen. Meine Tränen sind getrocknet. Ich bin zerstreut. Adieu Lieber.

am 4. August.

Es geht mir nicht allein so. Alle Menschen werden in ihren Hoffnungen getäuscht, in ihren Erwartungen betrogen. Ich besuchte mein gutes Weib unter der Linde. Der älteste Bub lief mir entgegen, sein Freudengeschrei führte die Mutter herbei, die sehr niedergeschlagen aussah. Ihr erstes Wort war: Gute Herr! ach mein Hans ist mir gestorben, es war der jüngste ihre Knaben, ich war stille, und mein Mann sagte sie, ist auf der Schweiz zurück, und hat nichts mit gebracht, und ohne gute Leute hätte er sich heraus betteln müssen. Er hatte das Fieber kriegt unterwegs. Ich konnte ihr nicht sagen, und schenkte den kleinen was, sie bat mich einige Äpfel anzunehmen, das ich tat und den Ort des traurigen Andenkens verließ.

am 21. August.

Wie man eine Hand umwendet, ist´s anders mit mir. Manchmal will so ein freudiger Blick des Lebens wieder aufdämmern, ach nur für einen Augenblick! Wenn ich mich so in Träumen verliere, kann ich mich des Gedankens nicht erwehren: Wie, wenn Albert stürbe! Du würdest! ja sie würde – und dann lauf ich dem Hirngespinste nach, bis es mich an Abgründe führt, vor denen ich zurückbebe. 

Wenn ich so dem Tore hinaus gehe, den Weg den ich zum erstenmal fuhr, Lotten zum Tanze zu holen, wie war das alles so anders! Alles, alles ist vorüber gegangen! Kein Wink der vorigen Welt, kein Pulsschlag meines damaligen Gefühls. Mir ist´s, wie´s einem Geiste sein müsste, der in das versengte verstörte Schloss zurückkehrte, das er als blühender Fürst einst gebaut und mit allen Gaben der Herrlichkeit ausgestattet, sterbend seinem geliebten Sohne hoffnungsvoll hinterlassen.

am 3. September.

Ich begreife manchmal nicht, wie sie ein andere lieb haben kann, lieb haben darf, da ich so ganz allein, so innig, so voll liebe, nichts anders kenne, noch weiß, noch habe als sie.

6. September.

Es hat schwer gehalten, bis ich mich entschloss, meinen blauen einfachen Frack, in dem ich mit Lotten zum erstenmal tanzte, abzulegen, er ward aber zuletz gar  unscheinbar. Auch hab ich mir einen machen lassen, ganz wie den vorigen, Kragen und Anschlag und auch wieder so gelbe West und Hosen dazu. 

Ganz will´s es doch nichts tun. Ich weiß nicht – Ich denke mit der Zeit soll mir der auch lieber werden.

am 15. September.

Man möchte sich dem Teufel ergeben, Wilhelm, über all die Hunde, die Gott auf Erden duldet, ohne Sinn und Gefühl an dem wenigen, was drauf noch was wert ist. Du kennst die Nussbäume, unter denen ich bei dem ehrlichen Pfarrern zu St.., mit Lotta gesessen, die herrlichen Nussbäume, die mich, Gott weiß, immer mit dem größten Seelenvergnügen füllten. Wie vertaulich sie den Pfarrhof machten, wie kühl und wie herrlich die Äste waren. Die Erinnerung bis zu die guten Kerls von Pfarrers, die sie von so viel Jahren bepflanzten. Der Schulmeister hat uns den einen Namen oft genannt, den er von deinem Großvater gehört hatte, und so ein braver Mann soll er gewesen sein und sein Andenken war immer unter den Bäumen. Ich sage Dir, dem Schulmeister starten die Tränen in den Augen, da wir gestern davon redeten, dass sie abgehauen worden – Abgehauen! Ich möchte rasend werden, ich könnte den Hund ermorden, der den ersten Hieb dran tat. Ich, der ich könnte mich vertrauern, wenn so ein paar Bäume in meinem Hofe stünden, und einer davon stürbe vor Alter ab, ist muss so zusehn. Lieber Schatz, eins ist doch dabei! Was Menschengefühl ist! Das ganze Dorf murrt, und ich hoffe, die Frau Pfarrern soll´s an Butter und Eiern und übrigen Zutrauen spüren, was für eine Wunde sie ihrem Orte gegeben hat. Denn sie ist´s, die Frau des neuen Pfarrers, unser Alter ist auch gestorben, ein hageres, kränkliches Tier, das sehr die Ursache hat an der Welt keinen Anteil zu nehmen, denn niemand nimmt Anteil an ihr. Eine Fratze, die sich abgiebt gelehrt zu sein, sich in die Untersuchung des Canons meliert, gar viel an der neumodischen moralisch kritischen Reformation des Christentums arbeitet, und über Lavaters Schwärmereien die Achseln zuckt, eine ganz zerrüttete Gesundheit hat, und auf Gottes Erdboden deswegen keine Freude. So ein Ding war´s auch allein, um meine Nussbäume abzuhauen. Siehst du, ich komme nicht zu mir! Stell dir vor, die abfallenden Blätter machen ihr den Hof unrein und dumpfig, die Bäume nehmen Ihr das Tageslicht, und wenn die Nüsse reif sind, zu werfen die Knaben mit Steinen danach, und das fällt ihr auf die Nerven, und das stört sie in ihren tiefen Überlegungen, wenn sie Kennikot, Semler und Michaelis, gegen einander abwägt. Da ich die Leute im Dorfe, besonders die Alten, so unzufrieden sah, sagt´ ich: warum habt ihr´s gelitten? – Wenn der Schulz will, hier zu Lande, sagten sie, was kann man machen. Aber eins ist recht geschehn, der Schulz und der Pfarrer, der doch auch von seiner Frauen Grillen, die ihm so die Suppe nicht fett machen, etwas haben wollte, dachten´s mit einander zu teilen, da erfuhr´s die Kammer und sagte: hier herein! und verkaufte die Bäume an den Meistbietenden. Sie liegen! O wenn ich Fürst wäre! Ich wollt die Pfarrern, den Schulzen und die Kammer – Fürst! – Ja wenn ich Fürst wäre, was kümmerten mich die Bäume in meinem Lande.

am 10. Oktober.

Wenn ich nur ihre schwarzen Augen sehe, ist mir´s schon wohl! Sieh, und was mich verdrüßt, ist, dass Albert nicht so beglückt zu sein scheint, als er – hoffte – als ich – zu sein glaubte – wenn – Ich mache nicht gern Gedankenstriche, aber hier kann ich mich nicht anders ausdrucken – und mich dünkt neulich deutlich genug.

am 12. Oktober.

Ossian hat meinem Herzen den Homer verdrängt. Welch eine Welt, in die der Herrliche mich führt. Zu wandern über die Heide, undsaust vom Sturmwinde, der in dampfenden Nebeln, die Geister der Väter im dämmerden Lichte des Mondes hinführt. Zu hören vom Gebürge her, im Gebrülle des Waldstorms, halb verwehtes Ächzen der Geister aus ihren Höhlen, und die Wehklagen des zu Tode gejammerten Mädgens, um die vier moosbedeckten, grasbewachsenen Steine des edelgefallenen ihres Geliebten. Wenn ich ihn denn finde, den wandelnden grauen Barden, der auf der weiten Heide die Fußstapfen seiner Väter sucht und ach! ihre Grabsteine findet. Und dann jammern nach dem lieben Sterne des Abends hinblickt, der sich ins rollende Meer verbirgt, und die Zeiten der Vergangenheit in des Helden Seele lebendig werden, da noch der freundliche Strahl den Gefahren der Tapfern leuchtete, und der Mond ihr bekränztes, siegrückkehrendes Schiff beschien. Wenn ich so den tiefen Kummer auf seiner Stirne lese, so den letzten verlassenen Herrlichen in aller Ermattung dem Grabe zu wanken sehe, wie er immer neue schmerzlich glühende Freuden in der kraftlosen Gegenwart der Schatten seiner Abgeschiedenheit einsaugt, und nach der kalten Erde dem hohen wehenden Grase niedersieht, und ausruft: Der Wanderer wird kommen, kommen, der mich kannte in meiner Schönheit und fragen, wo ist der Sänger, Fingals trefflicher Sohn? Sein Fußtritt geht über mein Grab hin, und er fragt vergebens nach mir auf der Erde. O Freund! ich möchte gleich einem edlen Waffenträger das Schwert ziehen und meinen Fürsten von der zückenden Qual des langsam absterbenden Lebens auf einmal befreien, und dem befreiten Halbgott meine Seele nachsenden.

am 19. Oktober.

Ach diese Lücke! Diese entsetzliche Lücke, die ich hier in meinem Busen fühle! ich denke oft! – Wenn du sie nur einmal, nur einmal an dieses Herz drücken könntest. All diese Lücke würde ausgefüllt sein.

am 26 Oktober.

Ja es wird mir gewiss, Lieber! gewiss und immer gewisser, dass an dem Dasein eines Geschöpfs so wenig gelegen ist, ganz wenig. Es kam eine Freundin zu Lotten, und ich gieng herein ins Nebenzimmer, ein Buch zu nehmen, und konnte nicht lesen, und dann nahm ich eine Feder zu schreiben. Ich würde sie leise reden, sie erzählten einander insofern unbedeutende Sachen, Stadtneuigkeiten: wie diese heiratet, wie jene krank, sehr krank ist. Sie hat einen trockenen Husten, die Knochen stehn jetzt zum Gesichte heraus, und kriegt Ohnmachten, ich gebe keinen Kreuzer für ihr Leben, sagte die eine. Der N.N ist auch so übel dran, sagte Lotte. Er ist schon geschwollen, sagte die andere. Und meine lebhafte Einbildungskraft versetzte mich ans Bette dieser Armen, ich sah sie, mit welchem Widerwillen sie dem Leben den Rücken wandte, wie sie – Wilhelm, und meine Weibgens redeten davon, wie man eben davon redt: dass ein Fremder stirbt. – Und wenn ich mich umsehe, und seh das Zimmer an, und ringsum mich Lottens Kleider, hier ihre Ohrringe auf den Tischgen, und Alberts Scriptuhren diese Meubels, denen ich nun so befreundet bin, so gar diesem Dintenfass; und denke: Sieh´, was du nun diesem Hause bist! Alles in allem. Deine Freunde ehren dich! Du machst oft ihre Freude, und deinem Herzen scheint´s, als wenn es ohne sie nicht sein könnte, und doch – wenn du nun giengst? wenn du aus diesem Kreise schiedest, würden sie? wie lange würden sie die Lücke fühlen, die dein Verlust in ihr Schicksal reißt? wie lang? – O so vergänglich ist der Mensch, dass er auch da, wo er seines Daseins eigentliche Gewissheit hat, da wo er den einzigen wahren Eindruck seiner Gegenwart macht; in dem Andenken in der Seele seiner Lieben, dass er auch da verlöschen, verschwinden muss, und das – so bald!

am 27. Oktober.

Ich möchte mir auf die Brust zerreißen und das Gehirn einstoßen, dass man einander so wenig sein kann. Ach die Liebe und Freude und Wärme und Wonne, die nicht hinzu bringe, wird mir der andre nicht geben, und mit einem ganzen Herzen voll Seligkeit, werd ich den andern nicht beglücken der kalt und kraftlos vor mir steht.

am 30. Oktober.

Wenn ich nicht schon hundertmal auf dem Punkte gestanden bin ihr um den Hals zu fallen. Weiß der große Gott, wie einem das tut, so viel Liebenswürdigkeit vor sich herumkreuzen zu sehn und nicht zugreifen zu dürfen. Uns das Zugreifen ist doch der natürlichste Trieb der Menschheit. Greifen die Kinder nicht nach allem was ihnen in Sinn fällt? Und ich?

3. November.

Weiß Gott, ich lege mich so oft zu Bette mit dem Wunsche, ja manchmal mit der Hoffnung, nicht wieder zu erwachen, und Morgens schlag ich die Augen auf, sehe die Sonne wieder, und bin elend. O dass ich launisch sein könnte, könnte die Schuld aufs Wetter, auf einen dritten, auf einer fehlgeschlagenen Unternehmung schieben; so würde die unerträgliche Last des Unwillens doch nur halb auf mir ruhen. Weh mir, ich fühle zu wahr, dass an mir allein alle Schuld liegt, – nicht Schuld! Genug dass in mir die Quelle alles Elendes verborgen ist, wie es da ehemals die Quelle aller Seligkeiten war. Bin ich nicht noch eben derselbe, der ehemals in aller Fülle der Empfindung herum schwebte, dem auf jedem Tritte ein Paradies folgte, der ein Herz hatte, eine ganze Welt liebevoll zu umfassen. Und das Herz jetzto tot, aus ihm fließen keinen Entzückungen mehr, meine Augen sind trocken, und meine Sinnen, die nicht mehr von erquickenden Tränen gelabt werden, ziehen ängstlich meine Stirne zusammen. Ich leide viel, denn ich habe verloren was meines Lebens einzige Wonne war, die heilige belebende Kraft, mit der ich Welten um mich schuf. Sie ist dahin! – Wenn ich zu meinem Fenster hinaus an den fernen Hügel sehe, wie die Morgensonne über ihn her dem Nebel durchbricht und den stillen Wiesengrund bescheint, und der sanfte Fluss zwischen seinen entblätterten  Weiden zu mir herschlängelt, o wenn da diese herrliche Natur so starr vor mir steht wie ein lackiert Bildgen, und all die Wonne keinen Tropfen Seligkeit aus meinem Herzen herauf in das Gehirn pumpen kann, und der ganze Kerl vor Gottes Angesicht steht wie ein versiegter Brunn, wie ein verlechter Eimer! Ich hab mich so oft auf den Boden geworfen und Gott und Tränen gebeten, wie ein Ackersmann um Regen, wenn der Himmel ehren über ihm ist, und um ihn die Erde verdürstet. Aber, ach ich fühl’s! Gott giebt Regen und Sonnenschein nicht unserem ungestümen Bitten, und jenen Zeiten, deren Andenken mich quält, warum waren sie so selig? als weil ich mit Geduld seinen Geist erwartete, und die Wonne, dir über mich ausgoss mit ganzem, innig dankbarem Herzen aufnahm.

am 8. November.

Sie hat’s mir meine Exzesse vorgeworfen! Liebenswürdigkeit! Meine Exzesse, dass ich mich manchmal von einem Glas Wein verleiten lasse, eine Bouteille zu trinken. Tun sie´s nicht! sagte sie, denken Sie an Lotten! – Denken! sagt´ ich, brauchen Sie mir das zu heißen? Ich denke! – Ich denke nicht! Sie sind immer vor meiner Seelen. Heute saß ich an dem Flecke, wo sie neulich aus der Kutsche stiegen – Sie redte was anders, um mich nicht tiefer in den Text kommen zu lassen. Bester, ich bin dahin! Sie kann mit mir machen was sie will.

am 15. November. 

Ich danke Dir, Wilhelm, für deinen herzlichen Anteil, für Deinen wohlmeinenden Rat, und bitte Dich, ruhig zu sein. Lass mich ausdulden, ich habe bei all meiner Müdseligkeit noch Kraft genug durchzusetzen. Ich ehre die Religion, das weißt Du, ich fühle, dass sie manchem Ermatteten Stab, manchem Verschmachtenden Erquickung ist. Nur – kann sie denn, muss sie denn das einem jeden sein? Wenn du die große Welt ansiehst; so siehst du Tausende, denen sie´s nicht war, Tausende denen sie´s nicht sein wird, gepredigt oder ungepredigt, und muss sie mir´s denn sein? Sagt nicht selbst der Sohn Gottes: dass die um ihn sein würden, die ihm der Vater gegeben hat. Wenn ich ihm nun nicht gegeben bin! Wenn mich nun der Vater für sich behalten will, wie mir mein Herz sagt! Ich bitte Dich, lege das nicht falsch aus, sie nicht etwa Spott in diesen unschuldigen Worten, es ist meine ganze Seele, die ich dir vorlege. Sonst wollt´ ich lieber, ich hätte geschwiegen, wie ich denn über all das, wovon jedermann so wenig weiß als ich, nicht gern ein Wort verliere. Was ist´s anders als Menschenschicksal, sein Maß auszuleiden, seinen Becher auszutrinken. – Und ward der Kelch dem Gott vom Himmel auf seiner Menschenlippe zu bitter, warum soll ich groß tun und mich stellen, als schmeckte er mir süße. Und warum sollte ich mich schämen, in dem schröcklichen Augenblicke, da mein ganzes Wesen zwischen Sein und Nichtsein zittert, da die Vergangenheit wie ein Blitz über dem finstern Abgrunde der Zukunft leuchtet, und alles um mich hier versinkt, und mit mir die Welt untergeht. – Ist es da nicht die Stimme der ganz in sich gedrängten, sich selbst ermangelnden, und unaufhaltsam hinabstürzenden Creatur, in den inneren Tiefen ihrer vergebens aufarbeiten Kräfte zu knirschen. Mein Gott! Mein Gott! warum hast du mich verlassen? Und sollt´ ich mich des Ausdrucks schämen, sollte mir´s von dem Augenblicke bange sein, da ihm der nicht entgieng, der die Himmel zusammenrollt wie ein Tuch.

am 21. November.

Sie sieht nicht, sie fühlt nicht, dass sie einen Gift bereitet, der mich um sie zu Grunde richten wird. Und ich mit voller Wollust schlurfe den Becher aus, den sie mir zu meinem Verderben reicht. Was soll der gütige Blick, mit dem sie mich oft – oft? – nein nicht oft, aber doch manchmal ansieht, die Gefälligkeit, womit sie einen unwillkürlichen Ausdruck meines Gefühls aufnimmt, das Mittleiden mit meiner Duldung, das sich auf ihre Stirne zeichnet. 

Gestern als ich weggieng, reichte sie mir die Hand und sagte: Adieu, lieber Werther! Lieber Werther! Es war das erstemal, dass sie mich Lieber hieß, und mir gieng´s durch Mark und Bein. Ich haben mir´s hundertmal wiederholt und gestern Nacht da ich ins Bett gehen wollte, und mit mir selbst allerlei schwatzte, sag ich so auf einmal: gute Nacht, lieber Werther! Ich musste hernach selbst über mich lachen.

am 24. November.

Sie fühlt, was ich dulde. Heut ist mir ihr Blick tief durchs Herz gedrungen. Ich fand sie allein. Ich sagte nichts und sie sah mich an. Und ich sahen nicht mehr in ihr die liebliche Schönheit, nicht mehr das Leuchten des trefflichen Geistes; das war all vor meinen Augen verschwunden. Ein weit herrlichere Blick würkte auf mich, voll Ausdruck des innigsten Anteils des süßten Mitleidens. Warum durft´ ich mich nicht ihr zu Füßen werfen! warum durft´ ich nicht an ihrem Halse mit tausen Küssen antworten- Sie nahm ihre Zuflucht zum Claviere und hauchte mit süßer leiser Stimme harmonische Laute zu ihrem Spiele. Nie habe ich ihre Lippen so reizend gesehen, es war, als wenn sie lächzend öffneten, jene süße Töne in sich zu schlürfen, die aus dem Instrumente hervorquollen, und nur der heimliche Wiederschall aus dem süßen Munde zurückklänge – Ja wenn ich dir das so sagen könnte! Ich widerstund nicht länger, neigte mich und schwur: Nie will ich’s wagen, einen Kuss euch einzudrücken Lippen, auf denen die Geister des Himmels schweden – Und doch – ich will – Ha siehst du, das steht wie eine Scheidewand von meiner Seelen – diese Seligkeit – und da untergegangen, die Sünde abzubüßen – Sünde?

am 30. November.

Ich soll, ich soll nicht zu mir selbst kommen, wo ich hintrete, begegnet mir eine Erscheinung, die mich aus aller Fassung bringt. Heut! O Schicksal! O Menschheit! 

Ich gehe an dem Wasser hin in der Mittagsstunde, ich hatte keine Lust zu essen. Alles war so öde, ein nasskalte Abendwind blies vom Berge, und die grauen Regenwolken zogen das Tal hinein. Von ferne seh ich einen Menschen in einem grünen schlechten Rocke, der zwischen den Felsen herumkrabbelte und Kräuter zu suchen schien. Als ich näher zu ihm kam und er sich aus das Geräusch, das ich machte, herumdrehte, sah ich eine gar interessante Physiognomie, darin eine stille Trauer den Hauptzug machte, die aber sonst nichts als einen graden guten Sinn ausdrückte, seine schwarzen Haare waren mit Nadeln in zwei Rollen gesteckt, und die übrigen in einen starken Zopf geflochten, der ihm den Rücken herunter hing. Da mir seine Kleidung einen Menschen von geringem Stande zu bezeichnen schien, glaubt´ ich, er würde es nicht übel nehmen, wenn ich auf seine Beschäftigung aufmerksam wäre, und daher fragte ich ihn, was er suchte? Ich suche, antwortete er mit einem tiefen Seufzer, Blumen – und finde keine – Das ist auch die Jahreszeit nicht, sagt´ ich lächelnd. – Es giebt so viel Blumen, sagt er, indem er zu mir herunter kam. In meinem Garten sind Rosen und Je länger je lieber zweierlei Sorten, eine hat mir mein Vater gegeben, sie wachsen wie´s Unkraut, ich suche schon zwei Tage darnach, und kann sie nicht finden. Da haußen sind auch immer Blumen, gelbe und blaue und rote, und das Tausend Güldenkraut hat ein schön Blümgen. Keies kann ich finden. Ich merkte was unheimliches, und drum fragte ich durch einen Umweg: Was will er denn mit den Blumen? Ein wunderbares zuckendes Lächeln verzog sein Gesicht. Wenn er mich nicht verraten will, sagt er, indem er den Finger auf den Mund drückte, ich habe meinem Schatz einen Strauß versprochen. Das ist brav, sagt´ ich. O sagt´ er, sie hat viel andre Sachen, sie ist reich. Und doch hat sie seinen Strauß lieb, versetzt´ ich. O! fuhr er fort, sie hat Juwelen und eine Krone. Wie heißt sie denn? – Wenn mich die Generalstaaten bezahlen wollten! versetzte er, ich wär ein anderer Mensch! Ja es war einmal eine Zeit, da mir´s so wohl wahr. Jetzt ist´s aus mit mir, ich bin nun – Ein nasser Blick zum Himmel drückte alles aus. Er war also glücklich? fragt´ ich. Ach ich wollt´ ich wäre wieder so! sagt´ er, da war mir so wohl, so lustig, so leicht wie ein Fisch im Wasser! Heinrich! rufte eine alte Frau, die den Weg herkam. Heinrich, wo steckst du. Wir haben dich überall gesucht. Komm zum Essen. Ist das euer Sohn? fragt´ ich zu ihr tretend. Wohl mein armer Sohn, versetzte sie. Gott hat mir ein schweres Kreuz aufgelegt. Wie lang ist er so? fragt´ ich. So stille, sagte sie, ist er nun ein halb Jahr. Gott sei Dank, dass es nur so weit ist. Vorher war er ein ganz Jahr rasend, da hat er an Ketten im Tollhaus gelegen. Jetzt tut er niemand nichts, nur hat er immer mit Königen und Kaisern zu tun. Es war ein so guter stiller Mensch, der mich ernähren half, seine schöne Hand schrieb, und auf einmal wird er tiefsinnig, fällt in ein hitzig Fieber, daraus in Raserei, und nun ist er, wie sie ihn sehen. Wenn ich ihm erzählen sollt, Herr – Ich unterbrach ihren Strom von Erzählungen mit der Frage: was denn das für eine Zeit wäre von der er so rühmte, dass er so glücklich, so wohl darin gewesen wäre. Der törige Mensch, rief ist mit mitleidigen Lächeln, da meint er die Zeit, da er von sich war, das rühmt er immer! Das ist die Zeit, die er im Tollhause war, wo er nichts von sich wusste – Das fiel mir auf wie ein Donnerschlag, ich drückte ihr ein Stück Geld in die Hand und verließ sie eilend. 

Da du glücklich warst! rief ich aus, schnell vor mich hin nach der Stadt zu gehend. Da dir´s wohl war wie einem Fisch im Wasser! – Gott im Himmel! Hast du das zum Schicksal der Menschen gemacht, dass sie nicht glücklich sind, als eh sie zu ihrem Verstande kommen, und wenn sie ihn wieder verlieren! Elender und auch wie beneid ich deinen Trübsinn, die Verwirrung deiner Sinne, in der du verschmachtest! Du gehst hoffnungsvoll aus, deiner Königin Blumen zu pflücken – im Winter – und trauerst, da du keine findest, und begreifst nicht warum, du keine finden kannst. Und ich – und ich gehe ohne Hoffnung ohne Zweck heraus, und kehr wieder heim wie ich gekommen bin. – Du wähnst, welcher Mensch du sein würdest wenn die Generalstaaten dich bezahlten. Seliges Geschöpft, das den Mangel seiner Glückseligkeit einer irdischen Hindernis zuschreiben kann. – Du fühlst nicht! Du fühlst nicht! dass in deinem zerstörten Herzen, in deinem zerrütteten Gehirne dein Elend liegt, wovon alle Könige der Erde dir nicht helfen können. 

Müsse der trostlos umkommen, der eines Kranken spottet, der nach der entferntesten Quelle reist die seine Krankheit vermehren, sein Ausleben schmerzhafter machen wird, der sich über das bedrängte Herz erhebt, das, um seine Gewissensbisse los zu werden und die Leiden seiner Seele abzutun, seine Pilgerschafft nach dem heiligen Grabe tut! Jeder Fußtritt der seine Sohlen auf ungebahntem Wege durchschneidet, ist ein Linderungstropfen der gängigsten Seele, und mit jeder ausdauerten Tagreise legt sich das Herz und viel Bedrängnis leichter nieder. – Und dürft ihr das Wahn nennen – Ihr Wortkrämer auf eurem Polstern – Wahn! – O Gott! du siehst meine Tränen – Musstest du, der du den Menschen arm genug erschufst, ihm auch Brüder zugeben, die ihm das bissgen Armut, das bissgen Vertrauen noch raubten, das er auf dich hat, auf dich, du Alliebender, denn das Vertrauen zu einer heilenden Wurzel, zu den Tränen des Weinstocks, was ist´s, als Vertrauen zu dir, dass du in alles, was uns umgiebt, Heil und Linderungskraft gelegt hast, der wir su stündlich bedürfen. – Vater, den ich nicht kenne! Vater, der sonst meine ganze Seele füllte, und nun sein Angesicht von mir gewendet hat! Rufe mich zu dir! Schweige nicht länger! Dein Schweigen wird diese durstende Seele nicht aufhalten – Und würde ein Mensch, ein Vater zürnen können, dem sein unvermutet rückkehrender Sohn um den Halse fiele und rief: Ich bin wieder da mein Vater. Zürne nicht, dass ich die Wanderschaft abbreche, die ich nach deinem Willen länger aushalten sollte. Die Welt ist überall einerlei, auf müh und Arbeit, Lohn und Freude; aber was soll mir das? mir ist nur wohl wo du bist, und vor deinem Angesichte will ich leiden und genießen – Und du, lieber himmlischer Vater, solltest ihn von dir weisen?

am 1. Dezember.

Wilhelm! der Mensch, von dem ich dir schrieb, der glückliche Unglückliche, war Schreiber bei Lottes Vater, und eine unglückliche Leidenschaft zu ihr, die er nährte, verbarg, entdeckte, und aus dem Dienst, geschickt wurde, hat ihn rasend gemacht. Fühle Kerl, bei diesen trockenen Worten, mit welchem Unsinne mich die Geschichte ergriffen hat, da mir sie Albert eben so gelassen erzählte, als du´s vielleicht liesest. 

am 4. Dezember.

Ich bitte dich – siehst du; mit mir ist´s aus – Ich trag das all nicht länger. Heute saß ich bei ihr – saß, sie spielte auf ihren Clavier, manchfaltige Melodien und all den Ausdruck! all! all! – Was willst du? – Ihr Schwestergen putzte ihre Puppe, auf meinem Knie. Mir kamen Tränen in die Augen. Ich neigte mich und ihr Trauring fiel mir ins Gesicht – Meine Tränen flossen – Und auf einmal fiel sie in die alte himmelsüße Melodie ein, so auf einmal, und mir durch die Seele gehen ein Trostgefühl und eine Erinnerung all des Vergangenen, all der Zeiten, da ich das Lied gehört, all der düsteren Zwischenräume des Verdrusses, der fehlgeschlagenen Hoffnungen, und dann – Ich gieng in der Stube auf und nieder, mein Herz erstickt unter all dem. Um Gottes Willen, sagt´ ich mit einem heftigen Ausbruch hin gegen sie fahrend, um Gottes Willen hören sie auf. Sie hielt, und sah mich starr an. Werther, sagte sie, mit einem Lächeln, das mir durch die Seele gieng, Werther sie sind sehr krank, ihre Lieblingsgerichte wiederstehen ihnen. Gehen sie! Ich bitte sie, beruhigen sie sich. Ich riss mich von ihr weg, und – Gott! du siehst mein Elend, und wirst es enden.

am 6. Dezember.

Wie mich die Gestalt verfolgt. Wachend und träumend füllt sie meine ganze Seele. Hier, wenn ich die Augen schließe, hier in meiner Stirne, wo die innere Sehkraft sich vereinigt, stehen ihre schwarzen Augen. Hier! Ich kann dir´s nicht ausdrücken. Mach ich meine Augen zu, so sind sie da, wie ein Meer, wie ein Abgrund ruhen sie vor mir, in mir, füllen die Sinnen meiner Stirne. 

Was ist der Mensch? der gepriesene Halbgott! Ermangeln ihm nicht da eben, die Kräfte wo er sie am nötigsten braucht? Und wenn er in Freude sich aufschwingt, oder im Leiden versinkt, wird er nicht in beiden eben da aufgehalten, eben da wieder zu dem stumpfen kalten Bewusstsein zurück gebracht, da er sich in der Fülle des Unendlichen zu verlieren sehnte. 

am 8. Dezember.

Lieber Wilhelm, ich bin in einem Zustande, in dem jene Unglücklichen müssen gewesen sein, von denen man glaubte, sie würden von einem bösen Geist umher getrieben. Manchmal ergreift mich´s, es ist nicht Angst, nicht Begier! es ist ein inneres unbekanntes Toben, das meine Brust zerreißen droht, das mir die Gurgel zu presst! Wehe! Wehe! Und dann schweif ich umher in den furchtbaren nächtlichen Szenen dieser menschenfeindlichen Jahreszeit. 

Gestern Nacht musst´ ich hinaus. Ich hatte noch Abends gehört, der Fluss sei übergetreten und die Bäche all, und von Walheim herunter all mein Liebestal überschwemmt. Nachts nach eilf rannt´ ich hinaus. Ein fürchterliches Schauspiel. Vom Fels herunter die wühlenden Fluten in dem Mondlichter wirbeln zu sehn, über Äcker und Wiesen und Hecken und alles, und das weite Tal hinauf und hinab eine stürmende See im Sausen des Windes. Und wenn denn der Mond wieder hervortrat und über der schwarzen Wolke ruhte; und vor mir hinaus die Flut in fürchterlich herrlichen Widerschein rollte und klang, da überfiel mich ein Schauer, und wieder ein Sehnen!! Ach! Mit offenen Armen stand ich gegen den Abgrund, und atmete hinab! hinab, und verlor mich in der Wonne, all meine Qualen all mein Leiden da hinab zu stürmen, dahin zu brausen wie die Wellen. Oh! Und den Fuß vom Boden zu heben! Vermochtest du nicht und alle Qualen zu enden! – Meine Uhr ist noch nicht abgelaufenen – ich fühl’s! O Wilhelm, wie gern hätt´ ich mein Menschensein drum gegeben, mit jenem Sturmwinde die Wolken zu zerreißen, die Fluten zu fassen. Ha! Und wird nicht vielleicht dem Eingekerkerten einmal diese Wonne zu Teil! – 

Und wie ich wehmütig hinab sah auf ein Plätzgen, wo ich mit Lotten unter einer Weide geruht, auf einem heißen Spaziergange, das war auch überschwemmt, und kaum dass ich die Weide erkannte! Wilhelm. Und ihre Wiesen, dacht´ ich, und all die Gegend um ihr Jagdhaus, wie jetzt vom reißenden Strome, verstört unsere Lauben, dacht´ ich. Und der Vergangenheit Sonnenstrahl blickte herein – Wie einem Gefangenen ein Traum von Herden, Wiesen und Ehrenämtern. Ich stand! – Ich schelte mich nicht, denn ich habe Mut zu sterben – Ich hätte – Nun sitz ich hier wie ein altes Weib, das ihr Holz an Zäunen stoppelt, und ihr Brot an den Türen, um ihr hinsterben freudloses Dasein noch einen Augenblick zu verlängern und zu erleichtern.

am 17. Dezember.

Was ist das, mein Lieber? Ich erschrecke vor mir selbst! Ist nicht meine Liebe zu ihr die heiligste, reinste, brüderliche Liebe? Hab ich jemals einen strafbaren Wunsch in meiner Seele gefühlt – ich will nicht beteuern – und nun – Träume! O wie wahr fühlten die Menschen, die so widersprechende Würkungen fremden Mächten zuschrieben. Diese Nacht! Ich zittere es zu sagen, hielt ich sie in meinen Armen, fest an meinen Busen gedrückt und deckte Ihren lieben lispelnde Mund mit unendlichen küssen. Mein Auge schwamm in der Trunkenheit des ihrigen. Gott! bin ich strafbar, dass ich auch jetzt noch eine Seligkeit fühle, mir diese glühenden Freuden mit voller Innigkeit zurück zu rufen. Lotte! Lotte! – Und mit mir ist´s aus! Meine Sinnen verwirren sich. Schon acht Tage habe ich keine Besinnungskraft, meine Augen sind voll Tränen. Ich bin nirgends wohl, und überall wohl. Ich wünsche nichts, verlange nichts. Wär’s besser ich gienge.

Der Herausgeber an den Leser.

Die ausführliche Geschichte der letzten merkwürdigen Tage unseres Freundes zu liefern, seh ich mich genötigt seine Briefe durch Erzählung zu unterbrechen, wozu ich den Stoff aus dem Munde Lottens, Albertens, seinen Bedienten, und anderen Zeugen gesammlet habe. 

Werthers Leidenschaft hatte den Frieden zwischen Alberten und seiner Frau allmählich untergraben, dieser liebte sie mit der ruhigen Treue eines rechtschaffnen Manns, und der freundliche Umgang mit ihr subordinierte sich nach und nach seinen Geschäften. Zwar wollte er sich nicht den Unterschied gestehen, der die gegenwärtige Zeit den Bräutigams-Tagen so ungleich machte: doch fühlte er innerlich einen gewissen Widerwillen gegen Werthers Aufmerksamkeiten für Lotten, die ihn zugleich ein Eingriff in seine Rechte und ein stiller Vorwurf zu sein scheinen mussten. Dadurch ward der üble Humor vermehrt, den ihm seine überhäuften, gehinderten, schlecht belohnten Geschäfte manchmal gaben, und da denn Werthers Lage auch ihn zum traurigen Gesellschafter machte, indem die Beängstigung seines Herzens, die übrige Kräfte seines Geistes, seine Lebhaftigkeit, seinen Scharfsinn aufgezehrt hatten; so konnte es nicht fehlen das Lotte zuletzt selbst mit angesteckt wurde, und in eine Art Schwermut verfiel, in der Albert eine wachsende Leidenschaft für ihren Liebhaber, und Werther einen tiefen Verdruss über das veränderte Betragen ihres Mannes zu entdecken glaubte. Das Misstrauen, womit die beiden Freunde einander ansahen, machte ihnen ihre wechselseitige Gegenwart höchst beschwerlich. Albert mied das Zimmer seiner Frau, wenn Werther bei ihr war, und dieser, der es merkte, ergriff nach einigen fruchtlosen Versuchen ganz von ihr zu lassen, die Gelegenheit, sie in solchen Stunden zu sehen, da ihr Mann von seinen Geschäften gehalten wurde. Daraus entstund neue Unzufriedenheit, die Gemüter verhetzen sich immer mehr gegen einander, bis zuletzt Albert seiner Frau mit ziemlich trocknen Worten sagte: sie möchte, wenigstens um der Leute willen, dem Umgange mit Werthern eine andere Wendung geben, und seine allzuöfteren Besuche abschneiden. Ohngefähr um diese Zeit hatte sich der Entschluss, diese Welt zu verlassen, in der Seele des armen Jungen näher bestimmt. Es waren von je her seine Lieblingsidee gewesen, mit der er sich, besonders seit der Rückkehr zu Lotten, immer getragen. 

Doch sollte es keine übereilte, keine rasche Tat sein, er wollte mit der besten Überzeugung, mit der möglichsten ruhigen Entschlossenheit diesen Schritt tun. 

Seine Zweifel, sein Streit michtsich selbst, blicken aus einem Zettelgen hervor, das wahrscheinlich ein angefangener Brief an Wilhelmen ist, und ohne Datum, unter seinen Papieren gefunden worden. 

Ihre Gegenwart, ihr Schicksal, ihr Teilnehmen an dem meinigen, presst noch die letzten Tränen aus meinem versengten Gehirn. Den Vorhang aufzuheben und dahinter zu treten, das ist´s all! Und warum das Zaudern und Zagen? – Weil man nicht weiß, wie´s dahinter aussieht? – und man nicht zurückkehrt?- Und dass das nun die Eigenschaft unseres Geistes ist, da Verwirrung und Finsternis zu ahnden, wovon wir nichts Bestimmtes wissen.

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Den Verdruss, den er bei der Gesandtschaft gehabt, konnte er nicht vergessen. Er erwähnte dessen selten, doch wann wenn es auch auf die entfernteste Weise geschah, so konnte man fühlen, dass er seine Ehre dadurch unwiederbringlich gekränkt hielte, und dass ihm dieser Vorfall eine Abneigung gegen alle Geschäfte und politische Wirksamkeit gegeben hatte. Daher überließ er sich ganz der wunderbaren Empfind- und Denkengsart, die wir aus seinen Briefen kennen, und einer endlosen Leidenschaft, worüber noch endlich alles, was tätige Kraft an ihm war, verlöschen musste. Das ewige einerlei eines traurigen Umgangs mit dem liebenswürdigen und geliebten Geschöpfe, dessen Ruhe er störte, das stürmende Abarbeiten seiner Kräfte, ohne Zweck und Aussicht, drängten ihn endlich zu der schröcklichen Tat.

20 Dezember.

Ich danke Deiner Liebe, Wilhelm, dass du das Wort so aufgefangen hast. Ja Du hast recht: Mir wäre besser, ich gienge. Der Vorschlag, den Du zu einer Rückkehr zu euch tust, gefällt mir nicht ganz, wenigstens möchte ich noch gern einen Umweg machen, besonders da wir anhaltenden Frost und gute Wege zu hoffen haben. Auch ist mir´s sehr lieb, dass Du kommen willst, mich abzuholen, verzieh nur noch vierzehn Tage, und erwarte noch einen Brief von mir mit dem weiteren. Es ist nötig, dass nichts gepflückt werde, eh es reif ist. Und vierzehn Tage auf oder ab tun nicht viel. Meiner Mutter sollst Du sagen: das sie für ihren Sohn beten soll und dass ich sie um Vergebung bitte, wegen all des Verdrusses, den ich ihr gemacht habe. Das war nun mein Schicksal, die zu betrüben, denen ich Freude schuldig war. Leb wohl, mein Treuerster. Allen Segen des Himmels über Dich! Leb wohl!

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An eben dem Tage, es war der Sonntag vor Weihnachten, kam er Abends zu Lotten, und fand sie allein. Sie beschäftigte sich, einige Spielwerke in Ordnung zu bringen, diese ihren kleinen Geschwistern zum Christgeschenke zurecht gemacht hatte. Er redete von dem Vergnügen, dass die Kleinen haben würden, und von den Zeiten, da einen die unerwartete Öffnung der Türe, und die Erscheinung eines aufgeputzten Baums mit Wachslichtern, Zuckerwerk und Äpfel, in paradiesische Entzückung setzte. Sie sollen, sagte Lotte, indem sie ihre Verlegenheit unter ein liebes Lächeln verbarg: Sie sollen auch beschert kriegen, wenn sie recht geschickt sind, ein Wachsstöckgen und noch was. Und was heißen sie geschickt sein? rief er aus, wie soll ich sein, wie kann ich sein, beste Lotte? Donnerstag Abend, sagt sie, ist Weihnachtsabend, da kommen die Kinder, mein Vater auch, da kriegt jedes das Seinige, da kommen Sie auch – aber nicht eher.  – Werther stutze! – Ich bitte Sie, fuhr Sie fort, es ist nun einmal so, ich bitte Sie um meiner Ruhe willen, es kann nicht es kann nicht so bleiben! – Er wendete seine Augen von ihr, gieng in der Stube auf und ab, und murmelte das: es kann nicht so bleiben! zwischen den Zähnen. Lotte, die den schröcklichen Zustand fühlte, worin ihn diese Worte versetzt hatten, suchte durch allerlei Fragen seine Gedanken abzulenken, aber vergebens: Nein, Lotte, rief er aus: Ich werde Sie nicht wiedersehen! – Warum das? versetzte sie, Werther, Sie können, Sie müssen uns wieder sehen, nur mäßigen Wie sich. O! warum mussten Sie mit dieser Heftigkeit, dieser unbezwinglich haftenden Leidenschaft für alles, das sie einmal anfassen, geboren werden. Ich bitte Sie, fuhr sie fort, indem sie ihn bei der Hand nahm, mäßigen Sie sich, Ihr Geist, Ihre Wissenschaft, Ihre Talente, was bieten die Ihnen für mannigfaltige Ergötzungen dar! sein Sie ein Mann, wenden Sie diese traurige Anhänglichkeit von einem Geschöpfe, das nichts tun kann als Sie bedauern. – Er knirrte mit den Zähnen, und sah sie düster an. Sie hielt seine Hand: Nur einen Augennblick ruhigen Sinn, Werther, sagte sie. Fühlen Sie nicht, dass sie sich betrügen, sich mit Willen zu Grunde richten? Warum denn mich! Werther! Just mich! das Eigentum eines anderen. Just das! Ich fürchte, ich fürchte, es ist nur die Unmöglichkeit mich zu besitzen, die Ihnen diesen Wunsch so reizend macht. Er zog seine Hand aus der ihrigen, indem er sie mit einem starren unwilligen Blicke ansah. Weise! rief er, sehr weise! hat vielleicht Albert diese Anmerkung gemacht? Politisch! sehr politisch! – Es kann sie jeder machen, versetzte sie darauf. Und sollte denn in der weiten Welt kein Mädgen sein, das die Wünsche ihres Herzens erfüllte. Gewinnen Sie´s über sich, suchen Sie darnach, und ich schwöre Ihnen, Sie werden sie finden. Denn schon lange ängstet mich für Sie und uns die Einschränkung, in die Sie sich diese Zeit her selbst gebannt haben. Gewinnen Sie´s über sich! Eine Reise wird Sie, muss sie zerstreuen! Suchen Sie, finden Sie einen werten Gegenstand all ihre Liebe, und kehren Sie zurück, und lassen Sie uns zusammen die Seligkeit einer wahren Freundschaft genießen. 

Das könnte man, sagte er mit einem kalten Lachen, drucken lassen, und allen Hofmeistern empfehlen. Liebe Lotte, lassen Sie mir noch ein klein wenig Ruh, es wird alles werden. – Nur das Werther! dass sie nicht eher kommen als Weihnachtsabend! – Er wollte antworten, und Albert trat in den in die Stube. Man bot sich einen frostigen guten Abend, und gieng verlegen im Zimmer neben einander auf und nieder. Werther fieng einen unbedeutenden Diskurs an, der bald aus war, Albert desgleichen, der sodann seine Frau nach einigen Aufträgen fragte, und als er hörte, sie seien noch nicht ausgerichtet, ihr spitze Reden gab, die Werthern durchs Herz giengen. Er wollte gehn, er konnte nicht und zauderte bis Acht, da sich denn der Unmut und Unwillen an einander immer vermehrte, bis der Tisch gedeckt wurde und er Hut und Stock nahm, da ihm dann Albert ein unbedeutend Kompliment, ob er nicht mit ihnen vorlieb nehmen wollte? mit auf den Weg gab. 

Er kam nach Hause, nahm seinen Burschen, der im leuchten wollte, das Licht aus der Hand, und gieng allein in sein Zimmer, weinte laut, redete aufgebracht mit sich selbst, gieng heftig die Stube auf und ab, und warf sich endlich in seinen Kleidern aufs Bette, wo ihn der Bediente fand, der es gegen Eilf wagte hinein zu gehn, um zu fragen, ob er dem Herrn die Stiefel ausziehen sollte, das er denn zuließ und dem Diener verbot, des andern Morgens nicht ins Zimmer zu kommen, bis er im rufte. 

Montags früh, den ein und zwanzigsten Dezember, schrieb er folgenden Brief an Lotten, den man nach seinem Tode versiegelt auf seinem Schreibtische gefunden und ihr überbracht hat, und den ich Absatzweise hier einrücken will, so wie aus den Umständen erhellet, dass er ihn geschrieben habe.

Es ist geschlossen, Lotte, ich will sterben, und das schreib ich dir ohne romantische Überspannung gelassen, an dem Morgen des Tags, an dem ich Dich zum letzten mal sehn werde. Wenn Du dieses liesest, meine Beste, deckt schon das kühle Grab die erstarrten Reste des Unruhigen, Unglücklichen, der für die letzten Augenblicke seines Lebens keine größere Süßigkeit weiß, als ich mit Dir zu unterhalten. Ich habe eine schröckliche Nacht gehabt, und ach eine wohltätige Nacht, sie is´s, die meinen wankenden Entschluss befestiget, bestimmt hat: ich will sterben. Wie ich mich gestern von Dir riss, in der fürchterlichen Empörung meiner Sinnen, wie sich all all das nach meinem Herzen drängte, und mein hoffnungsloses, freudloses Dasein neben Dir, in grässlicher Kälte mich anpackte; ich erreichte kaum mein Zimmer, ich warf mich außer mir auf meine Knie, und  o Gott! du gewährtest mir das letzte Labsal der bittersten Tränen, und tausend Anschläge, tausend Aussichten wüteten durch meine Seele, und zuletzt stand er da, fest ganz der letzte einzige Gedanke: Ich will sterben! – Ich legte mich nieder, und Morgens, in all der Ruh des Erwachens, steht er noch fest, noch ganz stark in meinem Herzen: Ich will sterben! – Es ist nicht Verzweiflung, es ist Gewissheit, dass ich ausgetragen habe, und dass ich mich opfere für Dich, ja Lotte, warum sollt´ ich´s verschweigen: eins von uns dreien muss hinweg, und das will ich sein. O meine Beste, in diesem zerrissenen Herzen ist es wütend herum geschlichen, oft – Deinen Mann zu ermorden! – Dich! – mich! – So sei´s denn! – Wenn du hinauf steigst auf den Berg, an einem schönen Sommerabende, dann erinnere Dich meiner, wie ich so oft das Tal herauf kam, und dann blicke nach dem Kirchhofe hinüber nach meinem Grabe, wie der Wind das hohe Gras im Schein der sinkenden Sonne, hin und her wiegt. – Ich war ruhig da ich anfieng, und nun wein ich wie ein Kind, da mir all das so lebhaft und mich wird.-

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Gegen zehn Uhr rufte Werther seinem Bedienten, und unter dem Anziehen sagt er ihm: wie er in einigen Tagen verreisen würde, er solle daher die Kleider auskehren, und alles zum Einpacken zurechte machen, auch gab er ihm Befehl, überall Contis zu fordern, einige ausgeliehene Bücher abzuholen, und einigen Armen, denen er wöchentlich etwas zugeben gewohnt war, ihr Zugeteiltes auf zwei Monate voraus zu bezahlen. 

Er ließ sich das Essen auf die Stube bringen, und nach Tische ritt er hinaus zum Amtmanne, den er nicht zu Hause antraf. Er gieng tiefsinnig im Garten auf und ab, und schien noch zuletzt alle Schwermut der Erinnerung auf sich häufen zu wollen. 

Die Kleine ließen ihn nicht lange in Ruhe, sie verfolgten ihn, sprangen an ihn hinauf, erzählten ihm: dass, wenn Morgen und wieder Morgen, und noch ein Tag wäre, dass sie die Christgeschenke bei Lotten holten, und erzählten ihm Wunder, die sich ihre kleine Einbildungskraft versprach. Morgen! rief er aus, und wieder Morgen, und noch ein Tag! Und küsste sie alle herzlich, und wollte sie verlassen, an als ihm der kleine noch was ins Ohr sagen wollte. Der verriet ihm, dass die großen Brüder hätten schöne Neujahrswünsche geschrieben, so groß, und einen für den Papa, für Albert und Lotte einen, und auch einen für Herren Werther. Die wollten sie das Neujahrstag früh überreichen. 

Das übermannte ihn, er schenkte jedem was, setzte sich zu Pferde, ließ den Alten grüßen, und ritt mit Tränen in den Augen davon. Gegen fünfe kam er nach Hause, befahl der Margd nach dem Feuer zu sehen, und es bis in die Nacht zu unterhalten. Dem Bedienten hieß er Bücher und Wäsche unter in den Coffer packen, und die Kleider einnähen. Darauf schrieb er wahrscheinlich folgenden Absatz seines letzten Briefes an Lotten. 

Du erwartest mich nicht. Du glaubst, ich würde gehorchen, und erst Weihnachtsabend Dich wieder sehen. O Lotte! Heut, oder nie mehr. Weihnachtsabend hältst Du dieses Papier in Deiner Hand, zitterst und benetzt es mit Deinen Lieben Tränen. Ich will, ich muss! O wie wohl ist mir´s, dass ich entschlossen bin.

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Um halb sieben gieng ja nach Albertens Hause, und fand Lotten allein, die über seinen Besuch sehr erschrocken war. Sie hatte ihrem Manne im Diskurs gesagt, dass Werther vor Weihnachtsabend nicht wiederkommen würde. Er ließ bald darauf sein Pferd satteln, nahm von ihr Abschied und sagte, er wolle zu einem Beamten in der Nachbarschaft reiten, mit dem er Geschäft abzutun habe, und so machte er sich trutz der üblen Witterung fort. Lotte, die wohl wusste, dass er dieses Geschäft schon lange verschoben hatte, dass er ihn eine Nacht von Hause halten würde, verstund die Pantomime nur allzu wohl und ward herzlich betrübt darüber. Sie saß in ihrer Einsamkeit, ihr Herz ward weich, sie sah das Vergangene, fühlte all ihren Wert, und ihre Liebe zu ihrem Manne, der nun statt des versprochenen Glücks anfing das Elend ihres Lebens zu machen. Ihre Gedanken fielen auf Werthern. Sie schalt ihn, und konnte ihn nicht hassen. Ein geheimer Zug hatte ihr ihn vom Anfange ihrer Bekanntschaft teuer gemacht, und nun, nach so viel Zeit, noch so manchen durchlebten Situationen, musste sein Eindruck unauslöschlich in ihrem Herzen sein. Ihr gepresstes Herz machte sich endlich in Tränen Luft und gieng in eine stille Melancholie über, in der sie sich je länger je tiefer verlor. Aber wie schlug ihr Herz, als sie Werthern die Treppe herauf kommen und außen nach ihr fragen hörte. Es war zu spät, sich verleugnen zu lassen, und sie konnte sich nur halb von ihrer Verwirrung ermannen, als er ins Zimmer trat. Sie haben nicht Wort gehalten! rief sie ihm entgegen. Ich habe nichts versprochen, war seine Antwort. So hätten Sie mir wenigstens meine Bitte gewähren sollen, sagte sie, es war Bitte um unserer bei der Ruhe willen. Indem sie das sprach, hatte sie bei sich überlegt, einige ihre Freundinnen zu sich rufen zu lassen. Sie sollten Zeugen ihrer Unterredung mit Werthern sein, und Abends, weil er sie nach Hause führen musste, ward sie ihn zur rechten Zeit los. Er hatte ihr einige Bücher zurück gebracht, sie fragte nach einigen anderen, und suchte das Gespräch in Erwartung ihrer Freundinnen, allgemein zu erhalten, als das Mädgen zurück kam und ihr hinterbrachte, wie sie sich beide entschuldigen ließen, die eine habe unangenehmen Verwandtenbesuch, und die andere möchte sich nicht anziehen, und in dem schmutzigen Wetter nicht gerne ausgehen. 

Darüber ward sie einige Minuten nachdenkend, bis das Gefühl ihrer Unschuld sich mit einigem Stolz empörte. Sie bot Albertens Grillen Trutz, und die Reinheit ihres Herzens gab ihr eine Festigkeit, dass sie nicht, wie sie anfangs vorhatte, ihr Mädgen in die Stube rief, sondern, nachdem sie einige Menuets auf dem Clavier gespielt hatte, um sich zu erholen, und die Verwirrung ihres Herzens zu stillen, sich gelassen zu Werthrtn aufs Canapee setzte. Haben sie nichts zu lesen, sagte sie. Er hatte nichts. Da drinne in meiner Schublade, fieng sie an, liegt ihre Übersetzung einiger Gesänge Ossians, ich habe sie noch nicht gelesen, denn ich hoffe immer, sie von Ihnen zu hören, aber zeither sind Sie zu nichts mehr tauglich. Er lächelt, holte die Lieder, ein Schauer überfiel ihn, als er sie in die Hand nahm, und die Augen stunden im voll Tränen, als er er hinein sah, er setzte sich nieder und las:

Stern der dämmernden Nacht, schön funkelst du im Westen. Hebst dein strahlend Haupt das deiner Wolke. Wandelst stattlich deinen Hügel hin. Wornach blickst du auf die Heide? Die stürmende Winde haben sich gelegt. Von ferne kommt das Grießbachs Murmeln. Rauschende Wellen spielen am Felsen ferne. Das Gesumme dar Abendfliegen schwärmet übers Feld. Wornach siehst du, schönes Licht? Aber du lächelst Licht von Ossians Seele.

Und es scheint in seiner Kraft. Ich sehe meine geschiedene Freunde, sie sammeln sich auf Lora, wie in den Tagen, die vorüber sind. – Fingal kommt wie eine feuchte Nebeläule; um ihn sind seine Helden. Und sie die Barden des Gesangs! grauer Ullin! stattlicher Ryno! Alpin lieblicher Sänger! Und du sanft klagende Minona! – Wie verändert seid ihr meine Freunde seit den festlichen Tagen auf Selma! da wir buhlten um die Ehre des Gesangs, wie Frühlingsdüfte den Hügel hin wechselnd beugen das schwach lispelnde Gras. 

Da trat Minona hervor in ihrer Schönheit, mit niedergeschlagem Blick und tränenvollen Auge. Ihr Haar floss schwer im unsteten Winde der von dem Hügel herstieß. – Düster ward´s in der Seele der Helden als sie die liebliche Stimme erhub; denn oft hatten sie das Grab Salgars gesehen, oft die finsterer Wohnung der weißen Colma. Colma verlassen auf dem Hügel, mit all der harmonischen Stimme. Solgar versprach zu kommen; aber rings um zog sich die Nacht. Höret Colmas Stimme, da sie auf dem Hügel allein saß.

Colma

Es ist Nacht – ich bin allein, verloren auf dem stürmischen Hügel. Der Wind saust im Gebürg, der Strom heult den Felsen hinab. Keine Hütte schützt mich vor dem Regen, verlassen auf dem stürmischen Hügel. 

Tritt, o Mond, aus deinen Wolken; erscheinet Sterne der Nacht! Leite mich irgendein Strahl zu dem Orte wo meine Liebe ruht von den Beschwerden der Jagd, sein Bogen neben ihm abgespannt, seine Hunde schnobend um ihn! Aber hier muss ich sitzen allein auf dem Felsen des verwachsenen Stroms. Der Strom und der Sturm saust, ich höre nicht die Stimme meines Geliebten. 

Warum zaudert mein Salgar? Hat das ein Wort vergessen? – Da ist der Fels und der Baum und hier der rauschende Strom. Mit der Nacht versprachst du hier zu sein. Ach! wohin hat sich mein Salgar verirrt? Mit dir wollt ich fliehen, verlassen Vater und Bruder! die Stolzen! Lange sind unsere Geschlechter Feinde, aber wir sind keine Feinde, o Salgar. 

Schweig eine Weile o Wind, still eine kleine Weile o Strom, dass meine Stimme klinge durchs Tal, dass mein Wandrer mich höre. Salgar! Ich bin’s die ruft. Hier ist der Baum und der Fels. Salgar, mein Lieber, hier bin ich. Warum zauderst du zu kommen? Sie, der Mond scheint. Die Flut glänzt im Tale. Die Felsen sehen grau den Hügel hinauf. Aber ich sehe ihn nicht auf der Höhe. Seine Hunde vor ihm her verkündigen nicht seine Ankunft. Hier muss ich sitzen allein. 

Aber wer sind die dort unten liegen auf der Heide – Mein Geliebter? Mein Bruder? – Redet o meine Freunde! Sie antworten nicht. Wie geängstigt ist meine Seele – Ach sie sind tot! – Ihre Schwerter rot vom Gefecht. O mein Bruder, mein Bruder, warum hast du meinen Salgar erschlagen? O mein Salgar, warum hast du meinen Bruder erschlagen? – Ihr wart mir beide so lieb! O du warst schön an dem Hügel unter Tausenden; er war schröcklich in der Schlacht. Antwortet mir! Hört meine Stimme, meine Geliebten. Aber ach sie sind stumm. Stumm vor ewig. Kalt wie die Erde ist ihr Busen. 

O von dem Felsen des Hügels, von dem Gipfel des stürmenden Berges, redet Geister der Toten!! Redet! mir soll es nicht grausen! – Wohin seid ihr zur Ruhe gegangen? In welcher Gruft des Gebürges soll ich euch finden! – Keine schwache Stimme vernehm ich im Wind, keine wehende Antwort im Sturm des Hügels. 

Ich sitze in meinem Jammer, ich harre auf den Morgen in meinen Tränen. Wühlet das Grab, ihr Freunde der Toten, aber schließt es nicht, bis ich komme. Mein Leben schwindet wie ein Traum, wie sollt´ ich zurück bleiben. Hier will ich wohnen mit meinen Freunden an dem Strome des klingenden Felsen – Wenn´s Nacht wird auf dem Hügel, und der Wind kommt über die Heide, soll mein Geist im Winde stehn und trauern den Tod meiner Freunde. Der Jäger hört mich aus seiner Laube, fürchtet meine Stimme und liebt sie, denn süß soll meine Stimme sein und meine Freunde, sie waren wir beide so lieb. 

Das war dein Gesang, o Minora, Tormans sanfte errötende Tochter. Unsere Tränen flossen um Colma, und unsere Seele ward düster – Ullin trat auf mit der Harfe und gab uns Alpins Gesang – Alpins Stimme war freundlich, Rynos Seele ein Feuerstrahl. Aber schon ruhten sie im engen Hause, und ihre Stimme war verhallt in Selma – Einst kehrt UlIin von der Jagd zurück, eh noch die Helden fielen, er hört ihren Wettgesang auf dem Hügel, ihr Lied was sanft, aber traurig, sie klagten Morars Fall, des ersten der Helden. Seine Seele war wie Fingals Seele: sein Schwert wie das Schwert Oslars – Aber er fiel und sein Vater jammerte und seiner Schwester Augen waren voll Tränen – Minonas Augen waren voll Tränen, der Schwester des herrlichen Morars. Sie trat zurück von Ullins Gesang, wie der Mond in Westen, der den Sturmregen voraussieht und sein schönes Haupt in eine Wolke verbirgt. – Ich schlug die Harfe mit Ullin zum Gesange des Jammers.

Ryno.

Vorbei sind Wind und Regen, der Mittag ist so heiter, die Wolken teilen sich. Fliehend bescheint den Hügel die unbeständige Sonne. So rötlich fließt der Strom des Bergs im Tale hin. Süß ist dein Murmeln Strom, doch süßer die Stimme, die ich höre. Es ist Alpins Stimme, er bejammert den Toten. Sein Haupt ist von Alter gebeugt, und rot sein tränendes Auge. Alpin trefflicher Sänger, warum allein auf dem schweigenden Hügel, warum jammerst du wie ein Windstoß im Wald, wie eine Welle am fernen Gestade.

Alpin

Meine Tränen Ryno, sind für den Toten, meine Stimme für die Bewohner des Grabs. Schlank bist du auf dem Hügel, schön unter den Söhnen der Heide. Aber du wirst fallen wie Monar, und wird der trauernde sitzen auf deinem Grabe. Die Hügel werden dich vergessen, dein Bogen in der Halle liegen ungespannt. 

Du warst schnell o Morar, wie ein Reh auf dem Hügel, schrecklich wie die Nachtfeuer am Himmel, dein Grimm war ein Sturm. Dein Schwert in der Schlacht wie Wetterleuchten über der Heide. Deine Stimme glichdem Waldstrome nach dem Regen, dem Donner auf fernen Hügeln. Manche fielen vor deinem Arm, die Flamme deines Grimms verzehrte sie. Aber wenn du kehrtes vom Kriege, wie friedlich war deine Stimme! Dein Angesicht war gleich der Sonne nach dem Gewitter, gleich dem Monde in der schweigenden Nacht. Ruhig deine Brust wie der See, wenn sich das Brausen des Windes gelegt hat. 

Eng ist nun deine Wohnung, finster deine Stätte. Mit drei Schritten mess ich dein Grab, o du, der du ehe so groß warst! Vier Steine mit mosigen Häuptern sind dein einzig Gedächtnis. Ein entblätterter Baum, lang Gras, das wispelt im Winde, deutet im Auge des Jägers das Grab des mächtigen Morars. Keine Mutter hast du, dich zu beweinen, kein Mädgen mit Tränen der Liebe. Tot ist, die dich gebahr. Gefallen die Tochter von Morglan. 

Wer auf seinem Stabe ist das? Wer ist´s dessen Haupt weiß ist von Alter, dessen Augen rot sind von Tränen? – Es ist dein Vater, o Morar! Der Vater keine Sohns außer dir! Er hörte von deinem Rufe in der Schlacht; er hörte von zerstobenen Feinden. Er hörte Morars Ruhm! Ach nichts von seiner Wunde? Weine, Vater Mohrars! Weine! aber dein Sohn hört dich nicht. Tief ist der Schlaf der Toten, niedrig ihre Küssen von Staub. Nimmer achtet er auf die Stimme, nie erwacht er auf deinen Ruf. O wann wird es Morgen im Grabe? zu bieten dem Schlummerer: Erwache! 

Lebe wohl, edelster der Menschen, du Eroberer im Felde! Aber nimmer wird dich das Feld sehn, nimmer der düstere Wald leuchten vom Glanze deines Stahls. Du hinterliesest keinen Sohn, aber der Gesang soll deinen Namen erhalten. Künftige Zeiten sollen von dir hören, hören sollen sie von den gefallenen Morar. 

Laut wand die Trauer der Helden, am lautsten Armins berstender Seufzer. Ihm erinnert´s an den Tod seines Sohns, der fiel an den Tagen seiner Jugend. Carmor saß nah bei dem Helden, der Fürst des hallenden Galmal. Warum schluchset der Seufzer Armins? sprach er, was ist hier zu weinen? Klingt nicht Lied und Gesang, die Seele zu schmelzen und zu ergötzen. Sind wie sanfter Nebel der steigend vom See aufs Tal sprüht, und die blühenden Blumen füllet das Nass, aber die Sonne kommt wieder in ihrer Kraft und der Nebel ist gegangen. Warum bist du so jammervoll, Armin, Herr des  seeumflossenen Gorma? 

Jammervoll! Wohl das bin ich, und nicht gering die Ursach meines Wehs. – Carmor, du verlorst keinen Sohn; verlorst keine blühende Tochter! Colgar der Tapfere lebt; und Amira, die schönste der Mädgen. Die Zweige deiens Hauses blühen, o Carmor, aber Armin ist der letzte seines Stamms. Finster ist dein Bett, o Dura! Dumpf ist dann Schlaf in dem Grabe – Wann erwachst du mit deinem Gesängen, mit deiner melodischen Stimme? Auf! ihr Winde des Herbst! Stürmt über die finstre Heide! Waldströme braust! Heult Stürme in dem Gipfel der Eichen! Wandle durch gebrochene Wolken o Mond, zeige wechselnd dein bleiches Gesicht! Erinnere mich der schröcklichen Nacht da meine Kinder umkamen, Arindal, dein Bogen war stark, dein Speer schnell auf dem Felde, dein Blick wie Nebel auf der Welle,dein Schild eine Feuerwolke im Sturme. Armar berühmt im Krieg, kam um warb um Dauras Liebe, sie widerstund nicht lange, schön waren die Hoffnungen ihre Freunde. 

Erath, der Sohn Odgals, grolle, denn sein Bruder lag erschlagen von Armar. Er kam in einen Schiffer verkleidet, schön war sein Nachen auf der Welle; weiß seine Locken vor Alter ruhig sein ernstes Gesicht. Schönste der Mädgen, sagt er, liebliche Tochter von Armin. Dort am Fels nicht fern in der See, wo die rote Frucht vom Baume herblinkt, dort wartet Armar auf Daura. Ich komme, seine Liebe zu führen über die rollende See. 

Sie folgt ihm, und rief nach Armar. Nichts antwortete als die Stimme des Felsens. Armar mein Lieber, mein Lieber, warum ängstest du mich so? Höre, Sohn Arnats, höre. Daura ist´s die dich ruft! 

Erath, der Verräter, floh lachend zum Lande. Sie erhub ihre Stimme, rief nach ihrem Vater und Bruder. Arindal! Armin! Ist keiner, seine Daura zu retten? 

Ihre Stimme kam über die See. Arindal mein Sohn, stieg vom Hügel herab rau in der Beute der Jagd. Seine Pfeile rasselten an seiner Seite. Seinen Bogen trug er in der Hand. Fünf schwarzgraue Docken waren um ihn. Er sah den kühnen Erath am Ufer, fasst und band ihn an die Eiche. Fest umflocht er seine Hüften, er füllt mit Ächzen die Winde. 

Arindal betritt die Welle in seinem Boote, Daura herüber zu bringen. Armar kam in seinem Grimm, drückt ab den grau befinderten Pfeil, er klang, er sank in dein Herz, o Arindal, mein Sohn! Statt Erath des Verräters kamst du um, das Boot erreicht den Felsen, er sank dran nieder und starb. Welch war dein Jammer, o Daura, da zu deinen Füßen floss deines Bruders Blut. 

Die Wellen zerschmettern das Boot. Armar stürzt sich in die See, seine Daura zu retten oder zu sterben. Schnell stürmt ein Stoß vom Hügel in die Wellen, er sank und hub sich nicht wieder. 

Allein auf dem seebespülten Felsen hört ich die Klage meiner Tochter. Viel und laut war ihr Schreien; doch konnt´ sie ihr Vater nicht retten. Die ganze Nacht stund ich am Ufer, ich sah sie im schwachen Strahle des Monds, die ganze Nacht hört ich ihr Schrein. Laut war der Wind, und der Regen schlug scharf nach der Seite des Bergs. Ihre Stimme ward schwach, eh der Morgen erschien, sie starb weg wie die Abendluft zwischen dem Grase der Felsen. Beladen mit Jammer starb sie und ließ Armin allein! dahin ist meine Stärke im Krieg, gefallen mein Stolz unter den Mädgen. 

Wenn die Stürme des Berges kommen, wenn der Nord die Wellen hoch hebt, sitz ich am schallenden Ufer, schaue nach dem schröcklichen Felsen. Oft im sinkenden Mond seh ich die Geister meiner Kinder, halb dämmernd, wandeln sie zusammen in trauriger Eintracht.

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Ein Strom von Tränen, der aus Lottens Augen brach und ihrem gepressten Herzen Luft machte, hemmte Werthers Gesang, er warf das Papier hin, und fasste ihre Hand und weinte die bittersten Tränen. Lotte ruhte auf der anderen und verbarg ihre Augen ins Schnupftuch, die Bewegung beide war fürchterlich. Wie fühlten ihr eigenes Elend in dem Schicksal der Edlen, fühlten es zusammen, und ihre Tränen vereinigten sie. Lippen und Augen Werthers glühten an Lottens Arm, ein Schauer überfiel sie, sie wollte sich entfernen um es lag all der Schmerz, der Anteil betäubend wie Blei auf ihr. Sie atmete sich zu erholen, und bat ihn schluchsend, fortzufahren, bat mit der ganzen Stimme des Himmels, Werther zitterte, sein Herz wollte bersten, er hub das Blatt auf und las halb gebrochen:

Warum weckst du mich Frühlingsluft, du buhlst und sprichst: ich betaue mit Tropfen des Himmels. Aber die Zeit meines Welkens ist nah, nah der Sturm, der meine Blätter herabstört! Morgen wird der Wanderer kommen, kommen der mich sah in meiner Schönheit, rings wird sein Aug im Felde mich suchen, und wird mich nicht finden. –

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Die ganze Gewalt dieser Wort fiel über den Unglücklichen, er warf sich vor Lotten nieder in der vollen Verzweiflung, fasste ihre Hände, druckte sie in seine Augen, wider seine Stirn, und ihr schien eine Ahndung seines schröcklichen Vorhabens durch die Seele zu fliegen. Ihre Sinnen verwirrten sich, sie druckte seine Hände, druckte sie wider ihre Brust, neigte sich mit einer wehmütigen Bewegung zu ihm, und ihr glühenden Wangen berührten sich. Die Welt vergieng ihnen, er schlang seine Arme um sie her, presste sie an seine Brust, und deckt ihre zitternde stammende Lippen mit wütenden Küssen. Werther! rief sie mit erstickter Stimme sich abwendend, Werther! und drückte mit schwacher Hand seine Brust von der ihrigen! Werther! rief sie mit dem gefassten Tone des edelsten Gefühls; er widerstund nicht, ließ sie aus seinen Armen, und warf sich unsinnig vor sich hin. Sie riss sich auf, und in ängstlicher Verwirrung, bebend  zwischen Liebe und Zorn sagte sie: Das ist das letztemal! Werther! Sie sehn mich nicht wieder. Und mit dem vollsten Blick der Liebe auf den Elenden eilte sie ins Nebenzimmer, und schloss hinter sich zu. Werther streckte ihr die Arme nach, getraute sich nicht sie zu halten. Er lag an der Erde, den Kopf auf dem Canapee, und in dieser Stellung blieb er über eine halbe Stunde, bis ihn ein Geräusch zu sich selbst rief. Es war das Mädgen das den Tisch decken wollte. Er gieng im Zimmer auf und ab, und da er sich wieder allein sah, gieng er zur Türe des Cabinets, und rief mit leiser Stimme, Lotte! Lotte! nur noch ein Wort, ein Lebe wohl! – Sie schwieg, er harrte – und bat – und harrte, dann riss er sich weg und rief, Leb wohl, Lotte! Auf ewig leb wohl!

Er kam ans Stadttor. Die Wächter die in schon gewohnt waren, ließen ihn stillschweigenden hinaus, es stübte zwischen Regen und Schnee, und erst gegen eilfe  klopfte er wieder. Sein Diener bemerkte, als Werther nach Hause kam, dass seinem Herrn der Hut fehlte. Er gatraute sich nichts zu sagen, entkleidete ihn, alles war nass. Man hat sie nachher den Hut auf einem Felsen, der an dem Abhange des Hügels ins Tal sieht gefunden, und es ist unbegreiflich, wie er ihn in einer finsteren feuchten Nacht ohne zu stürzen erstiegen hat. 

Er legte sich zu Bette und schlief lange. Der Bediente fand ihn schreiben, als er ihm den anderen Morgen auf sein Rufen den Caffee brachte. Er schrieb folgendes am Briefe an Lotten:

Zum letztenmale denn, zum letztenmale schlag ich diese Augen auf, sie sollen ach die Sonne nicht mehr sehen, ein trüber neblichter Tag hält sich bedeckt. So traure denn, Natur, dein Sohn, dein Freund, dein Geliebter naht sich seinem Ende. Lotte, das ist ein Gefühl ohne gleichen, und doch kommt´s dem dämmernden Traume am nächsten, zu sich zu sagen: das ist der letzte Morgen. Der letzte! Lotte, ich habe keinen Sinn vor das Wort, der letzte! Steh ich nicht da in meiner ganzen Kraft, und Morgen lieg ich ausgestreckt und schlaff am Boden. Sterben! Was heißt das? Sieh wir träumen, wenn wir vom Tode reden. Ich habe mnachen sterben sehen, aber so eingeschränkt ist die Menschheit, dass sie für ihres Daseins Anfang und Ende keinen Sinn hat. Jetzt noch mein, dein! dein! o Geliebte, und einen Augenblick – getrennt, geschieden – vielleicht auf ewig. – Nein, Lotte, nein – Wie kann ich vergehen, wie kannst du vergehen, wir sind ja! – Vergehen! – Was heißt das? das ist wieder ein Wort! ein leerer Schall ohne Gefühl für mein Herz. – – Tot, Lotte! Eingescharrt der kalten Erde, so eng, so finster! – Ich hatte eine Freundin, die mein Alles war meiner hilflosen Jugend, sich starb und ich folgte ihre Leiche, und stand an dem Grabe. Wie sie den Sarg hinunter ließen und die Seile schnurrend unter ihm weg und wieder herauf schnellten, dann die erste Schaufel hinunter schollerte und die ängstliche Lade einen dumpfen Ton wiedergab, und dumpfer und immer dumpfer und endlich bedeckt war! – Ich stürzte neben das Grab hin – Ergriffen erschüttert geängstigt zerrissen mein innerstes, aber ich wusste nicht wie mir geschah, – wie mir geschehen wird – Sterben! Grab! Ich verstehe die Worte nicht! O vergieb mir! vergib mir! Gestern! Es hätte der letzte Augenblick meines Lebens sein sollen. O du Engel! zum erstenmale, zum erstenmale ganz ohne Zweifel durch mein innig innerstes durchglühte ich das Wonnegefühl: Sie liebt mich! Sie liebt mich. Es brennt noch auf meinen Lippen das heilige Feuer das von den deinigen strömte, neue warme Wonne ist in meinem Herzen. Vergieb mir, vergieb mir. 

Ach ich wusste, dass du mich liebtest, wusste es an den ersten seelenvollen Blicken, an dem ersten Händedruck, und doch wenn ich wieder weg war, wenn ich Alberten an deiner Seite sah, verzagt´ ich wieder in fieberhaften Zweifeln. 

Erinnerst du dich der Blumen die du mir geschicktest, als du in jener fatalen Gesellschaft mir kein Wort sagen, keine Hand reichen konntest, o ich habe die halbe Nacht davor gekniet, und sie versiegelten mir deine Liebe. Aber ach! diese Eindrücke gingen vorüber, wie das Gefühl der Gnade seines Gottes allmählich wieder aus der Seele des Gläubigen weicht, die ihm mit ganzer Himmelsfülle im heiligen sichtbaren Zeichen gereicht ward. 

Alles das ist vergänglich, keine Ewigkeit soll das glühende Leben auslöschen, das ich gestern auf deinen Lippen genoss, das ich in mir fühle. Sie liebt mich! Dieser Arm hat sie umfasst, diese Lippen auf ihren Lippen gezittert, dieser Mund am ihrigen gestammelt. Sie ist mein! du bist mein! ja Lotte auf ewig! 

Und was ist das? dass Albert dein Mann ist! Mann? – das wäre denn für diese Welt – und für diese Welt Sünde, dass ich dich liebe, dass ich dich aus seinen Armen in die meinigen reißen möchte? Sünde? Gut! und ich strafe mich davor: Ich hab sie in ihrer ganzen Himmelswonne geschmeckt diese Sünde, habe Lebensbalsam und Kraft in mein Herz gesaugt, du bist von dem Augenblick mein! Mein, o Lotte. Ich gehe voran! Geh zu meinem Vater, zu deinem Vater, dem will ich’s klagen und er wird mich trösten bis du kommst, und ich fliege dir entgegen und fasse dich und bleib bei dir von dem Angesichte des Unendlichen in ewigen Umarmungen. 

Ich träume nicht, ich wähne nicht! na am Grabe ward mir´s heller. Wir werden sein, wir werden uns wieder sehen! Deine Mutter sehn! ich werde sie sehen, werde sie finden, ach und vor allem mein Herz ausschütten. Dein Ebenbild.

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Gegen eilfe fragte Werther seinen Bedienteten, ob wohl Albert zurück gekommen sei. Der Bediente sagte: ja er habe dessen Pferd dahin führen sehen. Darauf giebt ihm der Herr ein offenes Zettelgen des Inhalts: 

Wollten Sie mir wohl zu einer vorhandenen Reise ihre Pistolen leihen? Leben Sie recht wohl.

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Die liebe Frau die letzte Nacht wenig geschlafen, ihr Blut war in einer fieberhaften Empörung, und tausenderlei Empfindungen zerrütteten ihr Herz. Wider ihren Willen fühlte sie tief in ihrer Brust das Feuer von Werthers Umarmungen, und zugleich stellten sich ihr die Tage in unbefangenen Unschuld, des sorglosen Zutrauens auf sich selbst in doppelter Schöne dar, es ängstigte sie schon zum voraus die Blicke ihres Manns, und seine halb verdrüsslich halb spöttische Fragen, wenn er Werthers Besuch erfahren würde; sie hatte sich nie verstellt, sie hatte nie gelogen, und nun sah sie sich zum erstenmal in der unvermeidlichen Notwendigkeit; der Widerwillen, die Verlegenheit die sie dabei empfand, machte die Schuld in ihren Augen größer, und doch konnte sie den Urheber davon weder hassen, noch sich versprechen, ihn nie wieder zu sehen. Sie weinte bis gegen Morgen, da sie in einen matten Schlaf versank, aus dem sie sich kaum aufgerafft und angekleidet hatte, als ihr Mann zurückkam, dessen Gegenwart ihr zum erstenmal ganz unerträglich war; denn indem sie zitterte, er würde das verweinte überwacht ihrer Augen und ihre Gestalt entdecke, ward sie noch verwirrter, bewillkommte ihn mit einer heftigen Umarmung, die mehr Bestürzung und Reue, als eine auffahrende Freude ausdrückte, und ebend dadaurch machte sie die Aufmerksamkeit Albertens rege, der, nachdem er einige Briefe und Pakete erbrochen, sie ganz trocken fragte, ob sonst nichts vorgefallen, ob niemand da gewesen wäre? Sie antwortete ihm stockend, Werther seie gestern eine Stunde gekommen. – Er nimmt seine Zeit gut, versetzt er, und gieng nach seinem Zimmer. Lotte war eine Viertelstunde allein geblieben. Die Gegenwart des Mannes, den sie liebte und ehrte, hatte einen neuen Eindruck in der Herz gemacht. Sie erinnerte sich an seiner Güte, seines Edelmuts seiner Liebe, und schalt sich, dass sie es ihm so übel gelohnt habe. Ein unbekannter Zug reizte sie ihm zu folgen, sie nahm ihre Arbeit, wie sie mehr getan hatte, gieng nach seinem Zimmer und fragte, ob er was bedürfte? er antwortete: nein! stellte sich an Pult zu schreiben, und sie setzte sich nieder zu stricken. Eine Stunde waren sie auf diese Weise neben einander, und als Albert etlichemal in der Stube auf und ab gieng, und Lotte ihn anredete, er aber wenig oder nichts darauf gab und sich wieder an Pult stellte, so verfiel sie in eine Wehmut, die hihr um desto ängstlicher ward, als sie solche zu verbergen und ihre Tränen zu verschlucken suchte. 

Die Erscheinung von Werthers Knaben versetzte sie in größte Verlegenheit, er überreichte Alberten das Zettelgen, der sich ganz kalt nach seiner Frau wendete, und sagte: gib ihm die Pistolen. – Ich lass ihm glückliche Reise wünschen, sagt er zum Jungen. Das fiel auf sie wie ein Donnerschlag. Sie schwankte aufzustehn. Sie wusste nicht wie ihr geschah. Langsam gieng sie nach der Wand, zitternd nahm sie sie herunter, putzte den Staub ab und zauderte, und hätte noch lang gezögert, wenn nicht Albert durch einen fragenden Blick: was denn das geben sollte? sie gedrängt hätte. Sie gab das unglückliche Gewähr dem Knaben, ohne ein Wort vorbringen zu können, und als der zum Hause draus war, machte sie ihre Arbeit zusammen, gieng in ihr Zimmer in den Zustand des unaussprechlichsten Leidens. Ihr Herz weissagte ihr alle Schröcknisse. Bald war sie im Begriff sich zu den Füßen ihres Mannes zu werfen, ihm alls zu entdecken, die Geschichte des gestrigen Abends, ihre Schuld und ihre Ahndungen. Dann sah sie wieder keinen Ausgang des Unternehmens, am wenigsten konnte sie hoffen ihren Mann zu einem Gange nach Werthern zu bereden. Der Tisch ward gedeckt, und eine gute Freundin, die nur etwas zu fragen haben und die Lotte nicht wegließ, macht er die Unterhaltung bei Tische erträglich, man zwang sich, man redete, man erzählte, man vergaß sich. 

Der Knabe kam mit den Pistolen zu Werthern, der sie ihm mit Entzücken abnahm, als er hörte, Lotte habe sie ihm gegeben. Er ließ sich ein Brot und Wein bringen, hieß den Knaben zu Tisch gehn, und setzte sich nieder zu schreiben.

Sie sind doch deine Hände gegangen, du hast den Staub davon geputzt, ich küsse sie tausendmal, du hast sie berührt. Und du Geist des Himmels begünstigt meinen Entschluss! Und du Lotte reichst mir das Werkzeug, du, von deren Händen ich den Tod zu empfangen wünschte, und ach nun empfange. O ich habe meinen Jungen ausgefragt, du zitterstes, als du sie ihm reichtest, du sagtest kein Lebe wohl; – Weh! Weh! – kein Lebe wohl! – Solltest du dein Herz für mich verschlossen haben, um des Augenblicks willen der mich auf ewig an dich befestigte. Lotte, kein Jahrtausend vermag den Eindruck auszulöschen! Und ich fühl’s, du kannst den nicht hassen, der so für Dich glüht.

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Nach Tische hieß den Knaben alles vollends einpacken, zerriss viele Papiere, gieng aus, und brachte noch kleine Schulden in Ordnung. Er kam wieder nach Hause, gieng wieder aus, vors Tor ohngeachtet des Regens, in den gräflichen Garten, schweifte weiter in der Gegend umher, und kam mit einbrechender Nacht zurück und schrieb.

Wilhelm, ich habe zum letztenmale Feld und Wald und den Himmel gesehn. Leb wohl auch du! Liebe Mutter, verzeiht mir! Tröste sie, Wilhelm. Gott segne euch! Meine Sachen sind all in Ordnung. Lebt wohl! Wir sehen uns wieder und freudiger.

Ich habe dich übel gelohnt, Albert, und du vergiebst mir. Ich habe den Frieden deines Hauses gestört, ich habe Misstrauen zwischen euch gebracht. Leb wohl, ich will´s enden. O dass ihr glücklich wäret durch meinen Tod! Albert! Albert! mache den Engel glücklich. Und so wohne Gottes Segen über dir!

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Er kramte den Abend noch viel in seinen Papieren, zerriss vieles und warf’s in Ofen, versiegelte einige Päcke mit den Adressen an Wilhelmen. Sind enthielten kleine Aufsätze, abgerissene Gedanken, deren ich verschiedene gesehen habe; und nachdem ihr um zehn Uhr im Ofen nachlegen, und sich einen Schoppen Wein geben lassen, schickte er den Bedienten, dessen Kammer wie auch die Schlafzimmer der Hausleute weit hinten hinaus waren, zu Bette, der sich denn in seinen Kleidern niederlegte um früh bei der Hand zu sein, denn sein Herr hat sie gesagt, die Postfferde würden vor sechse vors Haus kommen.

Nach Eilfe

Alles ist so still um mich her, und so ruhig meine Seele, ich danke dir Gott, der du diesen letzten Augenblicken diese Wärme, diese Kraft schenktest. 

Ich trete ans Fenster, meine Beste, und seh und sehe noch durch die stürmenden vorüberfliehenden Wolken einzelne Sterne des ewigen Himmels! Nein, ihr werdet nicht fallen! Der Ewige trägt euch an seinem Herzen, und mich. Ich sah die Deichselsterne des Wagens, des liebsten unter allen Gestirnen. Wenn ich Nachts von dir gieng, wie ich aus deinem Tore trat, stand er gegen über! Mit welche Trunkenheit hab ich ihn oft angesehen! Oft mit aufgehabenen Händen ihn zum Zeichen, zum heiligen Merksteine meiner gegenwärtigen Seligkeit gemacht, und noch – O Lotte, was erinnert mich nicht an dich! Umgiebst du mich nicht, und hab ich nicht gleich einem Kinde, ungenügsam allerlei Kleinigkeiten zu mir gerissen, die du Heilige berührt hattest! 

Liebes Schattenbild! Ich vermache dir´s zurück, Lotte, und bitte dich es zu ehren. Tausend, tausend Küsse hab ich darauf gedrückt, tausend Grüße im zugewinkt, wenn ich ausgieng, oder nach Hause kam. 

Ich habe deinen Vater in einem Zettelgen gebeten, meine Leiche zu schützen. Auf dem Kirchhofe sind zwei Lindenbäume, hinten im Ecke nach dem Felde zu, dort wünsch ich zu ruhen. Er kann, er wird das für seinen Freund tun. Bitt ihn auch. Ich will frommen Christen nicht zumuten, ihren Körper neben einem armen Unglücklichen niederzulegen. Ach ich wollte, ihr begrübt mich am Wege, oder im einsamen Tale, dass Priester und Levite vor dem bezeichnenden Steine sich segnend vorübergieng, und der Samariter eine Träne weinte. 

Hier Lotte! Ich schaudere nicht den kalten schröcklichen Kelch zu fassen, aus dem ich den Taumel des Todes trinken soll! Du reichtest mir ihn, und ich zage nicht. All! All! so sind all die Wünsche und Hoffnungen meines Lebens erfüllt! So kalt, so starr an der ehernen Pforte des Todes anzuklopfen. 

Dass ich das Glücks hätte teilhaftig werden können! Für dich zu sterben, Lotte, für dich mich hinzugeben. Ich wollte mutig, ich wollte freudig sterben, wenn ich dir die Ruhe, die Wonne deines Lebens wieder schaffen könnte; aber ach das ward nur wenig Edlen gegeben, ihr Blut für die Ihrigen zu vergießen, und durch ihren Tod ein neues hundertfälltiges Leben ihren Freunden anzufachen. 

In diesen Kleidern, Lotte, sie will ich begraben sein. Du hast sie berührt, geheiligt. Ich habe auch darum deinen Vater gebeten. Meine Seele schwebt über dem Sarge. Man soll meine Tasche nicht aussuchen. Diese blassrote Schleife, die du am Busen hattest, als ich dich zum erstenmale unter deinen Kindern fand. O küsse sie tausendmal und erzähl ihnen das Schicksal ihres unglücklichen Freunds. Die Lieben, sie wimmeln um mich. Ach wie ich mich an dich schloss! Seit dem ersten Augenblicke dich nicht lassen konnte. Diese Schleife soll mit mir begraben werden. An meinem Geburtstage schenktest du mir sie! Wie ich das all verschlang – Ach ich dachte nicht, dass mich der Weg hierher führen sollte! – – Sei ruhig! ich bitte dich sei ruhig! – 

Sie sind geladen – es schlägt zwölfe! – So sei´s denn Lotte! Lotte leb wohl! Leb wohl!

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Ein Nachbar sah den Blick vom Pulver und hörte den Schuss fallen, da aber alles still blieb achtete er nicht weiter darauf. 

Morgens um sechse tritt der Bediente herein mit dem Lichte, er findet seinen Herrn an der Erde, die Pistole und Blut. Er ruft, er fasst ihn an, keine Antwort, er röchelte nur noch. Er läuft nach den Ärzten, nach Alberten. Lotte hört die Schelle ziehen, ein Zittern ergreift all ihre Glieder, sie weckt ihren Mann, sie stehen auf, der Bediente bringt heulend und stotternd die Nachricht, Lotte sinkt ohnmächtig vor Alberten nieder. 

Als der Medikus zu dem Unglücklichen kam, fand der ihn an der Erde ohne Rettung, der Puls schlug, die Glieder waren alle gelähmt, über dem rechten Auge hatte er sich durch den Kopf geschossen, das Gehrin war herausgetrieben. Man ließ ihm zum Überflusse sein Ader am Arme, das Blut lief, er holte noch immer Atem. 

Aus dem Blut auf der Lehne des Sessels konnte man schließen, er habe sitzend vor dem Schreibtische die Tat vollbracht. Dann ist er herunter gesunken, hat sich konvulsivisch um den Stuhl herum gewälzt, er lag gegen das Fenster entkräftet auf dem Rücken, war ein völliger Kleidung gestiefelt, im blauen Frack im mit gelber Weste. Das Haus, die Nachbarschaft, die Stadt kam in Aufruhr. Albert trat herein. Werthern hatte man aufs Bett gelegt, die Stirne verbunden, sein Gesicht schon wie eines Toten, er rührte kein Glied, die Lunge röchelte noch fürchterlich bald schwach bald stärker, man erwartet es ein Ende. 

Von dem Weine hatte er nur ein Glas getrunken. Emilia Galotti lag auf dem Pulte aufgeschlagen. 

Von Alberts Bestürzung, von Lottens Jammer lasst mich nichts sagen. 

Der alte Amtmann kam auf die Nachricht hereingesprengt, er küsste den Sterbenden unter den heißesten Tränen. Seine ältesten Söhne kamen bald nach ihm zu Fuße, sie fielen neben dem Bett nieder im Ausdruck des unbändigen Schmerzens, küssten ihm die Hände und den Mund, und der ältste, den er immer am meisten geliebt, hing an seinen Lippen, bis er verschieden war und man den Knaben mit Gewalt wegriss. Um zwölfe Mittags starb er. Die Gegenwart des Amtmanns und seine Anstalten tischten einen Auflauf. Nachts gegen eilfe ließ er ihn an die Städte begraben, der sich erwählt hatte, der Alte folgte der Leiche und die Söhne. Albert vermocht´s nicht. Man fürchtete für Lottens Leben. Handwerker trugen ihn. Kein Geistlicher hat ihn begleitet.

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Hörprobe: 

Wer war Johann Wolfgang v. Goethe >weiter<

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