Skylounge

Die Skylounge

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Franziska Neumayer ließ einen langen Arbeitstag in der Skylounge des Hotels ausklingen. Sie war dort abgestiegen, bis sie ihren Auftrag erledigt hatte. Es war nichts Aufregendes. Nur wieder eine Firma, die auf eine schnelle Expansion durch hohe Schulden gesetzt hatte und deren Plan jetzt nicht aufging. 

Vorgeschichte zum Roman: Mein Ende ist unser Beginn

In der Zeitung für den nächsten Tag las sie, die Firma habe Konkurs angemeldet, es würden aber Versuche unternommen, sie zu retten. Einer dieser Versuche trug den Namen Franziska Neumayer. Franziska blätterte um. Alles, was sie dort las, kannte sie aus erster Hand. 

Sie lehnte sich zurück. Da bemerkte sie eine zierliche, dunkelhaarige Frau an der Bar, die eifrig Notizen machte. Ohne die Augen vom Papier zu nehmen, trank sie immer wieder einen Schluck von ihrem Kräutertee, den Franziska am Etikett erkannte. Obwohl sie Gabriele nur von hinten sah, ging von ihr etwas Faszinierendes aus, dem sich Franziska nicht entziehen konnte.

Wenig später betrat ein blonder und etwas größerer Mann die Lounge und schaute sich suchend um. Gabriele schien auf ihn gewartet zu haben. Franziska beobachtete die Szene interessiert. 

Die Fremden schüttelten sich förmlich die Hände. Als die Dunkelhaarige Karten aus ihrer Handtasche kramte und auf den Tresen legte, packte Franziska die Neugier. Sie schlenderte an die Bar und ließ sich mit ihrem Whiskey drei Hocker entfernt von ihnen nieder.

„Und du kannst mir wirklich sagen, wie es bei mir weitergeht?“, fragte der blonde Mann. 

Franziska wurde hellhörig. 

„Ja“, antwortete Gabriele andere und mischte die Karten. „Wir schauen einfach, was kommt.“ Sie legte die Tarotkarten vor sich auf die Theke. 

Franziska bestellte einen zweiten Whiskey. Ihre Tante Evi hatte auch eine Freundin, die behauptete, die Zukunft vorhersehen zu können und ihr dreimal im Jahr die Karten legte. Einerseits war Franziska geneigt, daran zu glauben, da doch das eine oder andere eintraf, aber dann stimmte wieder gar nichts und es hatte etwas Lächerliches an sich. Die Kartenlegerin ihrer Tante betonte immer, dass nur die Geburt und der Tod gewiss seien. Alles dazwischen sei relativ und nicht in Stein gemeißelt. Sobald wir eine Kleinigkeit in unserem Leben änderten, vielleicht weil wir über das Vorhergesagte nachdächten, ändere sich das gesamte Gefüge. Franziska war sich nicht sicher, ob das lediglich Gewäsch war, um zu verschleiern, dass sie in Wahrheit die Zukunft nicht kannte. Sie nippte an ihrem Getränk und der blonde Mann mischte die Karten, bevor er diese an die andere zurückgab. 

Die Dunkelhaarige legte das Blatt auf und blieb bei der Karte „der Mond“ hängen. Martin, so sprach sie den Ratsuchende an, werde sich auf die Reise in sein Unterbewusstsein begeben, um sein Ureigenes zu finden, was ihm nicht nur schlaflose Nächte bringen werde. Er solle aufpassen, sich nicht in Größenwahn zu verstricken, mahnte sie. 

Der in unmittelbarer Nähe liegende „Ritter der Stäbe“, wie die Wahrsagerin die Karte nannte, traf Franziskas Geschmack. Das durchs Feuer galoppierende Pferd spreche für einen feurigen mitreißenden Charakter, der in Martins Leben trampeln werde. Er solle wachsam sein, da die Geschichte einen unvermittelten Neubeginn mit sich bringe, der mit einem Erwachen einhergehe. 

„Na, das passt ja für jeden“, murmelte Franziska in ihr Glas.

Die Kartenlegerin musterte sie von der Seite, was ihr unangenehm war. Sie sah sie an, als wüsste sie etwas über sie. Nicht feindselig oder dergleichen, es schien sie nicht zu berühren, dass Franziska ihr Können anzweifelte. Ihr Blick schien eher zu sagen: Du wirst schon sehen, was da kommt. 

Auch Martin wandte sich ihr nun zu. Im Gegensatz zu der Frau wirkte er verunsichert, fast schon peinlich berührt. Franziskas bloße Anwesenheit schien ihn aus der Reserve zu locken, was ihr gefiel. Sie würde leichtes Spiel haben, ihn aus der Fassung zu bringen. 

Seine Begleiterin berührte ihn sanft am Arm und Martin wandte sich ihr wieder zu. „Schau, dort ist ein Tisch frei“, sagte sie. „Da nervt keiner.“

„Nerve ich?“, fragte Franziska patzig. 

„Du hast es erfasst“, erwiderte die Wahrsagerin und nahm die Karten und ihr Getränk. Im Vorbeigehen bedachte sie Franziska aber mit einem herausfordernden Blick, auf den diese prompt ansprang.

„Das klingt so allgemein und oberflächlich. Wie die Horoskope in der Zeitung“, verteidigte sie sich halbherzig. Sie wollte sich nicht provozieren lassen und was die Frau über sie dachten, spielte für sie ohnehin keine Rolle. 

„Die Details kommen schon noch. Nur gehen sie Fremde, die sich ungefragt in Gespräche einmischen, nichts an. Schlechte Kinderstube.“ Sie hatte offensichtlich nicht vor, sich mit Franziska näher auseinanderzusetzen. 

Ihre Kritik ärgerte diese höllisch. Sie behielt die Zwei weiter über den großen Spiegel an der Wand im Blick.

Martin fühlte sich beobachtet, was ihn ablenkte. Ihm schien die Tatsache, dass er sich von einer Wahrsagerin die Karten legen ließ, schon unangenehm genug zu sein. Dann noch diese aufdringliche Person, die sich vor Arroganz triefend aufspielte, als wäre sie Gott persönlich. Und sie hielt es nicht einmal für nötig, ihren Blick abzuwenden, sondern grinste nur überheblich, wenn sich ihre Blicke trafen. 

Während es für Franziska einfach nur lustig war, stand für Martin viel auf dem Spiel. Er hatte ein tolles Angebot aus Montanso erhalten. Er sollte einen Schatz aus der Soseratzeit aufspüren. Schatzsuche war nichts Besonderes für ihn, denn damit verdiente er seit einigen Jahren sehr erfolgreich sein Geld. Nur diesmal lag die Sache anders. Er hatte bereits während seines Archäologiestudiums davon geträumt, genau diesen Schatz zu finden. Doch jetzt beschlich ihn ein absolut komisches Gefühl, das er weder zuordnen noch deuten konnte. Immer wenn er überlegte, nach Montanso zu fliegen, um den Job zu machen, wurden seine Hände schweißnass. Als würde dort etwas auf ihn lauern. 

„Warte kurz, das haben wir gleich“, sagte seine Begleiterin, als sie bemerkte, dass Martin immer wieder über den Spiegel zu Franziska sah. Die Wahrsagerin stand auf und schlenderte zu Franziska an die Bar. Diese verfolgte ihren Weg über den Spiegel. Erst als Gabriele direkt hinter ihr stehen blieb, drehte sie sich um. 

„Du scheinst es ja dringend wissen zu wollen“, stellte sie fest. 

„Was meinst du?“ 

„Wer so darauf lauert, etwas ins Lächerliche ziehen zu können, ist selbst auf der Suche nach Antworten. Nur verpackt er diese im Notfall im Sicherheitsnetz der Lächerlichkeit.“ 

Franziska nahm einen Schluck, um Zeit zu gewinnen. „Ich glaube einfach nicht, dass man in die Zukunft schauen kann.“ 

„Du hast eher Angst davor, dass ich in deine Zukunft schaue. Womit du oberflächlich gesehen recht hast. Mehr als Oberflächlichkeit ist bei dir im Moment sowieso nicht zu sehen.“ 

Die letzten Worte, eigentlich nur gehaucht, trafen Franziska wie ein Orkan. Die Frau drehte sich langsam von ihr weg, ließ sie im Spiegel jedoch nicht aus den Augen und auch Franziska folgte ihr mit ihren Blick. 

Martin saß wütend am Tisch und bewarf Franziska mit messerscharfen Blicken. Er fand ihr Benehmen unmöglich. Dieses Stieren und das Gelächter. 

Franziska hielt die Kartenlegerin an der Schulter fest. „Ich lasse mich von niemandem als oberflächlich bezeichnen und schon gar nicht von so einer wie dir.“ Ihre Augen funkelten gefährlich. 

„Kritikfähig bist du also auch nicht“, erwiderte sie bedächtig. „Wenn du doch über deinen Schatten springen möchtest, was dir nicht schaden würde, ich bin noch eine Weile hier.“ Damit schüttelte sie Franziskas Hand ab und ging zurück zu Martin. 

Die Zwei tauschten die Plätze, sodass Martin mit dem Rücken zum Spiegel saß und Franziska bald nicht mehr wahrnahm. Die Wahrsagerin hatte Franziska jedoch fest im Blick. Ihre Worte schienen sie zu beschäftigen. 

Tatsächlich war ihre anfängliche Wut nach einiger Zeit verpufft. Gedankenverloren drehte sie einen Bierdeckel wie einen Kreisel auf dem Tresen. Ihre Blicke in den Spiegel wurden weniger und verebbten schließlich. Sie schenkte ihre Umgebung keine Aufmerksamkeit mehr und schreckte hoch, als sich Martin direkt hinter ihr von seiner Begleiterin verabschiedete. Unwillkürlich drehte Franziska den Kopf und zog sofort Martins ungnädigen Blick auf sich. 

„Zukunft blöd?“, fragte Franziska mit vom Alkohol vernebelten Sinnen. Sie stichelte normalerweise nicht und würde auch niemanden dermaßen offensichtlich über irgendwelche Spiegel beobachten. Aber Martin zog Sie magisch an. Sie wollte ihn nicht ins Bett bekommen, was sonst durchaus ihrem Muster entsprach, hier war ihr Interesse anders gelagert. Und das verwirrte sie. 

Martin holte tief Luft, um ihr die Meinung zu geigen, aber Gabriele hielt sie zurück. 

„Letzte Chance, wenn du erfahren möchtest, warum du uns nicht in Ruhe lassen kannst, obwohl du normalerweise nicht so bist“, sagte die Wahrsagerin und schlüpfte in ihren Mantel. „Aber es macht nichts, die Zukunft wird passieren. Merk dir Martins Gesicht, er kommt darin vor.“ 

Franziska blieb sprichwörtlich der Mund offenstehen. Sie sah zu Martin, der ihren Blick kurz erwiderte, bevor beide Gabriele anstarrten. Diese kostete den Moment aus und verkniff sich ein Lächeln, während sie ihren Mantel zuknöpfte. Jetzt hatte sie die Aufmerksamkeit beider, was von Anfang an ihr Plan gewesen war. 

„Wie bitte?“, fragten beide fast gleichzeitig. 

„Eure Schicksale sind miteinander verknüpft“, sagte sie vage. Sie wollte sich nicht genauer festlegen. 

„Das erklärst du mir jetzt bitte“, forderte Martin mit einem vernichtenden Blick auf Franziska und sog die Luft scharf ein. 

Franziska nahm einen Schluck Whiskey. Ihre Hände zitterten und sie war froh, dass das niemand zu bemerken schien. Jetzt wurde sie unruhig. Eine innere Stimme sagte ihr, dass die Wahrsagerin recht hatte. 

„Veränderungen stehen an und die werdet ihr gemeinsam erleben“, erklärte sie. 

„Für jeden Schritt brauchen wir dann dich, damit wir wissen, was wir tun müssen? Alleine kann der ja anscheinend nichts“, sagte Franziska und deutete mit dem Kopf auf Martin. 

„Ziege“, zischte dieser und stampfte wütend aus der Bar. Er hatte genug von dieser arroganten Kuh. 

Gabriele blieb bei Franziska. Sie stützte sich mit einer Hand am Tresen ab und sah sie herausfordernd an. 

Franziska fühlte sich von ihr in die Enge getrieben. Gabriele war einen Meter fünfzig groß und wog vielleicht etwas mehr als vierzig Kilo. Es gab keinen vernünftigen Grund, sich bedroht zu fühlen. Sie lehnte sich etwas zurück und verschränkte abwehrend die Arme vor der Brust. „Jetzt zückst du gleich die Karte mit dem Tod. Mit der kannst du mich nicht beeindrucken“, sagte er und schwenkte sein Glas. 

Sie lächelte. „Da du die Karte kennst, weißt du auch, dass sie nichts mit tot umfallen zu tun hat.“ 

Franziska nickte. Das hatte Tante Evi auch immer betont. 

„Die Karte spielt in deinem Leben aber auf jeden Fall eine Rolle. Ich würde sogar sagen, dass jemand, an dessen Grab du stehen wirst, deinen Neubeginn auslöst. Auch dein altes Ich wird sterben müssen, um deinem neuen Platz zu machen.“ 

Jetzt wurde Franziska stutzig. „Es stirbt jemand?“, fragte sie. 

„Ja, nicht nur einer“, war die knappe Antwort. „Du hast harte Zeiten vor dir, aber ich bin zuversichtlich, dass du deine Wahrheit finden wirst.“ 

„Und was hat der damit zu tun?“ Franziska deutete mit dem Kopf in Richtung der Tür, durch die Martin abgerauscht war. 

„Wo bleibt denn der Spaß, wenn ich alles verrate?“ Gabriele grinste. 

Jetzt musste Franziska lachen, denn so hatte sie die Sache noch gar nicht gesehen. „Eine Wahrsagerin, die nicht alles sagt.“

„Aber weiß“, sagte diese und klopfte ihr freundlich nickend auf die Schulter, bevor sie sich abwandte, um Martin zu folgen. 

„Was gab´s?“, fragte Martin, der in der Lobby des Hotels gewartet hatte. 

„Ach, die hat jetzt was zum Nachdenken“, antwortete Gabriele knapp. 

„Also gibt es gar keine Verbindung zwischen ihr und mir?“, fragte Martin. 

„Doch, ihr seid wie Zwillinge.“

„Versteh ich nicht.“

„Das wirst du noch. Aber jetzt muss ich wirklich weiter.“

„War es Zufall, dass wir heute in diesem Hotel waren?“ Martin hielt die Frau am Arm zurück.

 „Es gibt keine Zufälle“, sagte diese, zwinkerte Martin zu und verschwand Richtung U-Bahn. 

Den Rest der Geschichte finden Sie im Roman: Mein Ende ist unser Beginn – Oder die große Reise zum Ich 

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