Skylounge

Die Skylounge

Frank Neumayer ließ einen langen Arbeitstag in der Skylounge des Hotels ausklingen. Er war dort abgestiegen, bis er seinen Auftrag erledigt hatte. Es war nichts Aufregendes. Nur wieder eine Firma, die auf eine schnelle Expansion durch hohe Schulden gesetzt hatte und deren Plan jetzt nicht aufging. 

Vorgeschichte zum Roman: Mein Ende ist unser Beginn

In der Zeitung für den nächsten Tag las er, die Firma habe Konkurs angemeldet, es würden aber Versuche unternommen, sie zu retten. Einer dieser Versuche trug den Namen Frank Neumayer. Frank blätterte um. Alles, was er dort las, kannte er aus erster Hand. 

Er lehnte sich zurück. Da bemerkte er eine zierliche, dunkelhaarige Frau an der Bar, die eifrig Notizen machte. Ohne die Augen vom Papier zu nehmen, trank sie immer wieder einen Schluck von ihrem Kräutertee, den Frank am Etikett erkannte. Obwohl er sie nur von hinten sah, ging von ihr etwas Faszinierendes aus, dem er sich nicht entziehen konnte.

Wenig später betrat eine zweite, blonde und etwas größere Frau die Lounge und schaute sich suchend um. Die erste schien auf sie gewartet zu haben. Frank beobachtete die Szene interessiert. 

Die Frauen schüttelten sich förmlich die Hände. Als die Dunkelhaarige Karten aus ihrer Handtasche kramte und auf den Tresen legte, packte Frank die Neugier. Er schlenderte an die Bar und ließ sich mit seinem Whiskey drei Hocker entfernt von ihnen nieder.

„Und du kannst mir wirklich sagen, wie es bei mir weitergeht?“, fragte die blonde Frau. 

Frank wurde hellhörig. 

„Ja“, antwortete die andere und mischte die Karten. „Wir schauen einfach, was kommt.“ Sie legte die Tarotkarten vor sich auf die Theke. 

Frank bestellte einen zweiten Whiskey. Seine Tante Evi hatte auch eine Freundin, die behauptete, die Zukunft vorhersehen zu können und ihr dreimal im Jahr die Karten legte. Einerseits war er geneigt, daran zu glauben, da doch das eine oder andere eintraf, aber dann stimmte wieder gar nichts und es hatte etwas Lächerliches an sich. Die Kartenlegerin seiner Tante betonte immer, dass nur die Geburt und der Tod gewiss seien. Alles dazwischen sei relativ und nicht in Stein gemeißelt. Sobald wir eine Kleinigkeit in unserem Leben änderten, vielleicht weil wir über das Vorhergesagte nachdächten, ändere sich das gesamte Gefüge. Frank war sich nicht sicher, ob das lediglich Gewäsch war, um zu verschleiern, dass sie in Wahrheit die Zukunft nicht kannte. Er nippte an seinem Getränk und die blonde Frau mischte die Karten, bevor sie diese an die andere zurückgab. 

Die Dunkelhaarige legte das Blatt auf und blieb bei der Karte „der Mond“ hängen. Magdalena, so sprach sie die Ratsuchende an, werde sich auf die Reise in ihr Unterbewusstsein begeben, um ihr Ureigenes zu finden, was ihr nicht nur schlaflose Nächte bringen werde. Sie solle aufpassen, sich nicht in Größenwahn zu verstricken, mahnte sie. 

Der in unmittelbarer Nähe liegende „Ritter der Stäbe“, wie die Wahrsagerin die Karte nannte, traf Franks Geschmack. Das durchs Feuer galoppierende Pferd spreche für einen feurigen mitreißenden Charakter, der in Magdalenas Leben trampeln werde. Sie solle wachsam sein, da die Geschichte einen unvermittelten Neubeginn mit sich bringe, der mit einem Erwachen einhergehe. 

„Na, das passt ja für jeden“, murmelte Frank in sein Glas.

Die Kartenlegerin musterte ihn von der Seite, was ihm unangenehm war. Sie sah ihn an, als wüsste sie etwas über ihn. Nicht feindselig oder dergleichen, es schien sie nicht zu berühren, dass er ihr Können anzweifelte. Ihr Blick schien eher zu sagen: Du wirst schon sehen, was da kommt. 

Auch Magdalena wandte sich ihm nun zu. Im Gegensatz zu der anderen Frau wirkte sie verunsichert, fast schon peinlich berührt. Seine bloße Anwesenheit schien sie aus der Reserve zu locken, was ihm gefiel. Er würde leichtes Spiel haben, sie aus der Fassung zu bringen. 

Ihre Begleiterin berührte sie sanft am Arm und Magdalena wandte sich ihr wieder zu. „Schau, dort ist ein Tisch frei“, sagte sie. „Da nervt keiner.“

„Nerve ich?“, fragte Frank patzig. 

„Du hast es erfasst“, erwiderte die Wahrsagerin und nahm die Karten und ihr Getränk. Im Vorbeigehen bedachte sie ihn aber mit einem herausfordernden Blick, auf den er prompt ansprang.

„Das klingt so allgemein und oberflächlich. Wie die Horoskope in der Zeitung“, verteidigte er sich halbherzig. Er wollte sich nicht provozieren lassen und was die Frauen über ihn dachten, spielte für ihn ohnehin keine Rolle. 

„Die Details kommen schon noch. Nur gehen sie Fremde, die sich ungefragt in Gespräche einmischen, nichts an. Schlechte Kinderstube.“ Sie hatte offensichtlich nicht vor, sich mit Frank näher auseinanderzusetzen. 

Ihre Kritik ärgerte ihn höllisch. Er behielt die Frauen weiter über den großen Spiegel an der Wand im Blick.

Magdalena fühlte sich beobachtet, was sie ablenkte. Ihr schien die Tatsache, dass sie sich von einer Wahrsagerin die Karten legen ließ, schon unangenehm genug zu sein. Dann noch dieser aufdringliche Kerl, der sich vor Arroganz triefend aufspielte, als wäre er Gott persönlich. Und er hielt es nicht einmal für nötig, seinen Blick abzuwenden, sondern grinste nur überheblich, wenn sich ihre Blicke trafen. 

Während es für Frank einfach nur lustig war, stand für Magdalena viel auf dem Spiel. Sie hatte ein tolles Angebot aus Montanso erhalten. Sie sollte einen Schatz aus der Inkazeit aufspüren. Schatzsuche war nichts Besonderes für sie, denn damit verdiente sie seit einigen Jahren sehr erfolgreich ihr Geld. Nur diesmal lag die Sache anders. Sie hatte bereits während ihres Archäologiestudiums davon geträumt, genau diesen Schatz zu finden. Doch jetzt beschlich sie ein absolut komisches Gefühl, das sie weder zuordnen noch deuten konnte. Immer wenn sie überlegte, nach Montanso zu fliegen, um den Job zu machen, wurden ihre Hände schweißnass. Als würde dort etwas auf sie lauern. 

„Warte kurz, das haben wir gleich“, sagte ihre Begleiterin, als sie bemerkte, dass Magdalena immer wieder über den Spiegel zu Frank sah. Die Wahrsagerin stand auf und schlenderte zu Frank an die Bar. Er verfolgte ihren Weg über den Spiegel. Erst als sie direkt hinter ihm stehen blieb, drehte er sich um. 

„Du scheinst es ja dringend wissen zu wollen“, stellte sie fest. 

„Was meinst du?“ 

„Wer so darauf lauert, etwas ins Lächerliche ziehen zu können, ist selbst auf der Suche nach Antworten. Nur verpackt er diese im Notfall im Sicherheitsnetz der Lächerlichkeit.“ 

Frank nahm einen Schluck, um Zeit zu gewinnen. „Ich glaube einfach nicht, dass man in die Zukunft schauen kann.“ 

„Du hast eher Angst davor, dass ich in deine Zukunft schaue. Womit du oberflächlich gesehen recht hast. Mehr als Oberflächlichkeit ist bei dir im Moment sowieso nicht zu sehen.“ 

Die letzten Worte, eigentlich nur gehaucht, trafen Frank wie ein Orkan. Die Frau drehte sich langsam von ihm weg, ließ ihn im Spiegel jedoch nicht aus den Augen und auch er folgte ihr mit seinem Blick. 

Magdalena saß wütend am Tisch und bewarf Frank mit messerscharfen Blicken. Sie fand sein Benehmen unmöglich. Dieses Stieren und das Gelächter. 

Frank hielt die Kartenlegerin an der Schulter fest. „Ich lasse mich von niemandem als oberflächlich bezeichnen und schon gar nicht von so einer wie dir.“ Seine Augen funkelten gefährlich. 

„Kritikfähig bist du also auch nicht“, erwiderte sie bedächtig. „Wenn du doch über deinen Schatten springen möchtest, was dir nicht schaden würde, ich bin noch eine Weile hier.“ Damit schüttelte sie Franks Hand ab und ging zurück zu Magdalena. 

Die Frauen tauschten die Plätze, sodass Magdalena mit dem Rücken zum Spiegel saß und Frank bald nicht mehr wahrnahm. Die Wahrsagerin hatte Frank jedoch fest im Blick. Ihre Worte schienen ihn zu beschäftigen. 

Tatsächlich war seine anfängliche Wut nach einiger Zeit verpufft. Gedankenverloren drehte er einen Bierdeckel wie einen Kreisel auf dem Tresen. Seine Blicke in den Spiegel wurden weniger und verebbten schließlich. Er schenkte seiner Umgebung keine Aufmerksamkeit mehr und schreckte hoch, als sich Magdalena direkt hinter ihm von ihrer Begleiterin verabschiedete. Unwillkürlich drehte er den Kopf und zog sofort Magdalenas ungnädigen Blick auf sich. 

„Zukunft blöd?“, fragte er mit vom Alkohol vernebelten Sinnen. Frank stichelte normalerweise nicht und würde auch niemanden dermaßen offensichtlich über irgendwelche Spiegel beobachten. Aber diese beiden Frauen zogen ihn magisch an. Er wollte sie nicht ins Bett bekommen, was sonst durchaus seinem Muster entsprach, hier war sein Interesse anders gelagert. Und das verwirrte ihn. 

Magdalena holte tief Luft, um ihm die Meinung zu geigen, aber die andere Frau hielt sie zurück. 

„Letzte Chance, wenn du erfahren möchtest, warum du uns nicht in Ruhe lassen kannst, obwohl du normalerweise nicht so bist“, sagte die Wahrsagerin und schlüpfte in ihren Mantel. „Aber es macht nichts, die Zukunft wird passieren. Merk dir Magdalenas Gesicht, sie kommt darin vor.“ 

Frank blieb sprichwörtlich der Mund offenstehen. Er sah zu Magdalena, die seinen Blick kurz erwiderte, bevor beide die andere Frau anstarrten. Diese kostete den Moment aus und verkniff sich ein Lächeln, während sie ihren Mantel zuknöpfte. Jetzt hatte sie die Aufmerksamkeit beider, was von Anfang an ihr Plan gewesen war. 

„Wie bitte?“, fragten beide fast gleichzeitig. 

„Eure Schicksale sind miteinander verknüpft“, sagte sie vage. Sie wollte sich nicht genauer festlegen. 

„Das erklärst du mir jetzt bitte“, forderte Magdalena mit einem vernichtenden Blick auf Frank und sog die Luft scharf ein. 

Frank nahm einen Schluck Whiskey. Seine Hände zitterten und er war froh, dass die Frauen es nicht bemerkten. Jetzt wurde er unruhig. Eine innere Stimme sagte ihm, dass die Wahrsagerin recht hatte. 

„Veränderungen stehen an und die werdet ihr gemeinsam erleben“, erklärte sie. 

„Für jeden Schritt brauchen wir dann dich, damit wir wissen, was wir tun müssen? Alleine kann die ja anscheinend nichts“, sagte Frank und deutete mit dem Kopf auf Magdalena. 

„Vollidiot“, zischte diese und stampfte wütend aus der Bar. Sie hatte genug von diesem arroganten Idioten. 

Die dunkelhaarige Frau blieb bei Frank. Sie stützte sich mit einer Hand am Tresen ab und sah ihn herausfordernd an. 

Frank fühlte sich von ihr in die Enge getrieben. Sie war einen Meter fünfzig groß und wog vielleicht etwas mehr als vierzig Kilo. Es gab keinen vernünftigen Grund, sich bedroht zu fühlen. Er lehnte sich etwas zurück und verschränkte abwehrend die Arme vor der Brust. „Jetzt zückst du gleich die Karte mit dem Tod. Mit der kannst du mich nicht beeindrucken“, sagte er und schwenkte sein Glas. 

Sie lächelte. „Da du die Karte kennst, weißt du auch, dass sie nichts mit tot umfallen zu tun hat.“ 

Frank nickte. Das hatte Tante Evi auch immer betont. 

„Die Karte spielt in deinem Leben aber auf jeden Fall eine Rolle. Ich würde sogar sagen, dass jemand, an dessen Grab du stehen wirst, deinen Neubeginn auslöst. Auch dein altes Ich wird sterben müssen, um deinem neuen Platz zu machen.“ 

Jetzt wurde Frank stutzig. „Es stirbt jemand?“, fragte er. 

„Ja, nicht nur einer“, war die knappe Antwort. „Du hast harte Zeiten vor dir, aber ich bin zuversichtlich, dass du deine Wahrheit finden wirst.“ 

„Und was hat die damit zu tun?“ Frank deutete mit dem Kopf in Richtung der Tür, durch die Magdalena abgerauscht war. 

„Wo bleibt denn der Spaß, wenn ich alles verrate?“ Sie grinste. 

Jetzt musste Frank lachen, denn so hatte er die Sache noch gar nicht gesehen. „Eine Wahrsagerin, die nicht alles sagt.“

„Aber weiß“, sagte diese und klopfte ihm freundlich nickend auf die Schulter, bevor sie sich abwandte, um Magdalena zu folgen. 

„Was gab´s?“, fragte Magdalena, die in der Lobby des Hotels gewartet hatte. 

„Ach, der hat jetzt was zum Nachdenken“, antwortete die andere knapp. 

„Also gibt es gar keine Verbindung zwischen ihm und mir?“, fragte Magdalena. 

„Doch, ihr seid wie Zwillinge.“

„Versteh ich nicht.“

„Das wirst du noch. Aber jetzt muss ich wirklich weiter.“

„War es Zufall, dass wir heute in diesem Hotel waren?“ Magdalena hielt die Frau am Arm zurück.

 „Es gibt keine Zufälle“, sagte diese, zwinkerte Magdalena zu und verschwand Richtung U-Bahn. 

Den Rest der Geschichte finden Sie im Roman: Mein Ende ist unser Beginn – Ein Mann, ein Berg und die große Reise zum Ich
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